Schlampe und Schwuchtel. Ein lebhaftes Interview mit Pjotr G. Distelkranz über die Publikation seines neuen Projekts „Sexzeiler“

Der bislang nur vereinzelt in Erscheinung getretene Lyriker Pjotr G. Distelkranz hat, nur bedingt bekannt durch einige wenige Veröffentlichungen auf seinem Blog und wenigen Lesungen in seinem Wohnort Frankfurt am Main, nun in Gestalt des Projekts Sexzeiler sein erstes umfassendes Lyrikprojekt vorgelegt, das online über sexzeiler.de zu erreichen ist. Es handelt sich dabei um eine vielfältige Collage von über 80 Gedichten über Erotik, Liebe und Sexualität, die in den letzten Jahren entstanden sind. Außer dem Inhalt vereint sie, dass sie alle sechs Zeilen lang sind. Dabei sind sie jedoch formell sehr unterschiedlich gearbeitet und haben entsprechend einen sehr vielfältigen „Sound“, der zusammen eine ganze Symphonie dieses ja in sich so heterogenen Themenfelds bildet.

Diese ungewöhnliche und beeindruckende Publikation nahmen wir zum Anlass, um mit ihm ein kleines Interview zu führen, um Näheres über Programmatik und Hintergründe seines Schaffens in Erfahrung zu bringen. Wir entschuldigen uns im Voraus für die Publikation dieses Quatsches.

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 (Eine visueller Einblick in das Projekt, das aus Gedichten und Zeichnungen besteht.)

 

* * *

 

Ich bin eine Viertelstunde zu spät. Pjotr G. Distelkranz sitzt bereits im Café und schreibt etwas. Er wirkt ein wenig nervös, bemerkt mich nicht, bis ich direkt vor ihm stehe.

CN: Guten Tag, Herr Distelkranz, entschuldigen Sie vielmals die Verspätung. Arbeiten Sie gerade an einem neuen Gedicht?

PD: Schön, dass Sie es endlich doch noch geschafft haben. Nein, das geht Sie gar nichts an. Aber setzen Sie sich doch.

Er verschafft mir ein wenig Platz, der Tisch ist nämlich voller Zettel, Bücher, seiner Tasse Tee und seinem angebissenen Käsecroissant.

CN: Vielen Dank für die Möglichkeit, Sie interviewen zu dürfen. Es war nicht einfach, Sie zu diesem Schritt zu bewegen.

PD: Ja, ich kokettiere eben gerne. Ich führe dieses Interview allerdings nur unter der Bedingung, dass alles möglichst originalgetreu im vollen Wortlaut abgedruckt wird. Mit „möglichst“ meine ich: Soweit das gesprochene Wort von der Schrift repräsentiert zu werden vermag. 100 %ige Präzision kann da kein Mensch verlangen. Aber ich als so genannter „Dichter“ weiß, dass ich wenigstens 99 %ige von Ihnen erwarten kann. Haben wir uns da verstanden? Alles von der ersten Minute an, also auch das, was Sie zur Begrüßung gesagt haben und das folgende. Die Nachwelt hat ein Interesse an großmöglicher Ehrlichkeit.

CN: Von mir, aus gerne.

PD: Sie verpflichten sich also? Es wird keinerlei Zensur geben? Ich habe Ihr Ehrenwort?

CN: Ich weiß ja nicht, was Sie alles sagen wollen.

PD: Nun, ich habe einige politische Botschaften vorbereitet zum Weltgeschehen, die ich der Weltöffentlichkeit bei dieser Gelegenheit gerne zumuten würde. Aber nur, wenn ich alles unverstellt vortragen darf. (Er kramt einen vollgekritzelte Zettel aus seiner Jackentasche.) Hier, sehen Sie, ein Manifest.

Kellnerin: Darf es bei Ihnen etwas sein?

CN: Ja, ich hätte gerne einen Cappuccino.

PD: Noch einen Tee für mich.

CN: Nun, ich hätte jetzt eigentlich schon ein paar Fragen vorbereitet gehabt.

PD: Ich werde keinerlei Fragen beantworten. Ich will einfach nur mein Manifest vortragen. Wenn Sie diese Bedingung nicht akzeptieren, werde ich sofort aufstehen und Sie können das Interview als Monolog führen. Sie können sich von mir aus einfach ausdenken, was ich antworte und ich segne es dann einfach ab.

CN: Was ist denn das für ein Manifest? Sie bringen mich gerade etwas aus dem Konzept, muss ich zugeben.

PD: Entscheiden Sie sich doch endlich. Ja oder nein?

CN: Ich glaube auch nicht, dass sich irgendjemand für das bislang Gesagte interessiert. Ich …

PD: Der Kernsatz lautet, dass die Unehrlichkeit alles bestimmt, die Ehrlichkeit aber um jeden Preis verteidigt werden muss. Davon geht alles aus. Das Leben ist die totale Lüge. Sobald wir in den Kontakt mit anderen treten, beginnt die Lügnerei und die Verstellung. Aber schlimmer noch: Da die Verstellung nur funktionieren kann, wenn sie auch durchweg stattfindet und ohne allen Bruch, man sie aber nur gut aufrecht erhalten kann, wenn man sie selbst glaubt, affiziert sie unser eigenes Bewusstsein, zwingt uns zum permanenten Selbstbetrug. Welchen Wert haben die unter diesem Paradigma geführten Beziehungen noch? Keinen Wert, ich könnte jetzt ebenso gut mit mir selbst sprechen. Aber selbst dann werde ich nicht die Wahrheit sagen, sondern noch in der Lüge sein, die Lüge wird umso ekliger sein, weil ich sie mir nur selbst bekräftigen werde, während ein anderer sie mir ja wenigstens noch versuchen könnte, auszutreiben. Ja, man muss dankbar sein für jeden anderen, der einem heute noch die Unwahrheit auszuprügeln gedenkt. Aber eigentlich leben wir ja alle ohnehin nur auf unseren eigenen Planeten und sorgen dafür, dass sie schön auf ihrer Bahn um die Sonne bleiben. Die Sonne ist das Sinnbild der Wahrheit. Bei den Ägyptern war es Aton. Wir bleiben in schönem, konstantem Abstand. Weder zu nah, weil sonst verbrennt man sich die Finger, aber auch nicht zu fern, weil sonst wird’s zu kalt oder man fliegt davon. Und um das Ganze zu stabilisieren, zieht man sich noch einen Mond oder gleich mehrere dazu. Ein Mond, das ist, was man braucht. Der sagt „Ja“ zur je eigenen Lüge. Manche nennen es Anerkennung. Doch woher kommen die Monde? Es sind ja Asteroiden und Kometen, die nahe genug an uns herankommen, dass wir sie mit unserer Schwerkraft an uns binden können. Planeten, sie sich von ihrer Sonne losgemacht haben. Oh ja, vielleicht sind die meisten von uns im Grunde nicht einmal Planeten, sondern solche Asteroiden auf der Suche nach einem Sonnensystem oder vielleicht sogar nach einer Sonne, die uns verbrennen könnte. Kennen Sie nicht diese zwei Sehnsüchte? Einmal die Sehnsucht, in der Sonne zu verbrennen, einmal die, ganz weit weg zu fliegen, dort, wo es keine Anziehung irgendeines anderen Körpers mehr gibt, in ewige Kälten? Und dann irgendwann auf einem dieser ekligen belebten Planeten aufzuschlagen und seine gesamte Vegetation auszulöschen. Ja – es gibt keine Sonnensysteme mehr und keine belebten Planeten oder es gibt deren viel zu viele. Wenn es sie gibt, dann haben sie keinen Wert. Alles läuft darauf hinaus, dass alle Gestirne erlöschen und sich ein Zustand maximalen Abstands herausbilden und das Universum endlich erstarren wird. Ich befürworte das, denn die Zerstörung ist besser als die Lüge und das eklige Leben der Verseuchung, das auf diesen Lügenplaneten keucht.

Bin ich zu schnell?

CN: Ich schneide ja alles mit. Erlauben Sie eine Nachfrage?

PG: Nein, denn ich weiß schon, was Sie fragen wollen … Was der Unterschied zwischen echten und falschen Systemen sei? Ja, das ist der Fluch unserer Zeit, dass wir hier keinen Unterschied mehr sehen können. Denn nur von einem fest stehenden Planeten aus könnte man doch so ein Urteil auch nur treffen. Wir werden jedoch immer wieder aus der Bahn herausgeworfen. Oh, ich möchte nicht mehr kreisen, oh, ich möchte nicht mehr suchen, oh, ich möchte im Eis erstarren!

CN: Wollten Sie nicht ein politisches Manifest vortragen?

PG: Die Ehrlichkeit muss wiederbelebt werden, doch in der Verdorbenheit findet man sie nur noch im Eispanzer und in der Glut. Die Auslöschung ist unsere einzige Hoffnung, und unser einziger Fluchtweg. Wir wollen uns alle notdürftig am Leben erhalten. Ja nicht zu weit weg, ja nicht zu nah dran. Auch untereinander muss der Abstand wohl austariert sein. Es könnte sonst ja noch einen großen Knall geben und man muss all die Parasiten, die einen bewuchern ja irgendwie am Leben erhalten. Aber wer braucht dieses ganze hässliche Geschmeiß schon, warum gibt man sich so viel Mühe? Warum verreckt der ganze Plunder nicht einfach? Warum führen Sie etwa dieses Interview mit mir und warum spreche ich mit Ihnen? Sehen Sie: Ich habe, wie Sie doch sehen können, zu tun, Sie sehen so aus, als würde Ihnen ein kleiner Spaziergang gut tun. Das Wetter ist schön und es ist reichlich geiles Volk auf den Beinen. Warum tun Sie mir nicht den Gefallen und gehen jetzt einfach? Es interessiert mich nicht, was Sie mich fragen wollen und offensichtlich interessiert es Sie ebenso wenig, was ich Ihnen zu sagen habe. Offensichtlich verstehen Sie es noch nicht einmal.

Mit so einem Interview nimmt man ja nur an dem Fortwuchern des Unkrauts teil. Der ganze kulturelle Apparat lebt davon, dass irgendwer irgendetwas sagt und das dann wieder von irgendwelchen wichtigen Leuten aufgenommen wird. Es hat aber alles überhaupt keinen Sinn und es ist auch strikt verboten, die Frage nach der Sinnhaftigkeit auch nur zu stellen. Oder sagen wir „aufzuwerfen“, das verstehen Sie gut, das Fragenaufwerfen, das ist Ihr Handwerk? Von morgens bis abends Fragen aufwerfen, die einen irgendwie am Leben halten. Vor all den Fragen sieht man die entscheidenden Antworten nicht mehr und kann trotzdem gut schlafen. Denn geraubt werden soll der Schlaf ja nicht.

Sie planen wohl, Doktor der Fragenaufwerferei zu werden? Es steht Ihnen in Ihr kluges Gesicht geschrieben. Sie haben mich bereits von der ersten Minute an angewidert, um ehrlich zu sein. Wollten Sie mich denn fragen, warum ich schreibe? Ja, das traue ich Ihnen zu. Und Sie hätten sich wahrscheinlich im Kopf sogar schon meine Antwort parat gelegt, um dann gleich die passende Rückfrage artikulieren zu können. Nun, ich gebe Ihnen Ihre Antwort: „Ich will die Welt verändern mit meinen Gedichten.“ Und dann Sie so: „Aber mein Herr, ich gebe zu bedenken: Welche politische Rolle kann Lyrik in der heutigen Zeit denn noch spielen?“ Und dann ich so: „Ja, das ist eine gute Frage, die mich auch oft umtreibt. Ich für meinen Teil halte es da ja mit Adorno der sagt, bla bla bla.“ Und dann Sie so: „Aber meinen Sie wirklich, das Adorno noch zur Analyse unserer gegenwärtigen Situation herhalten kann? Denken Sie nur an seinen bekannten Irrtum bezüglich des Jazz. Ist Adorno wirklich die höchste Instanz in Dingen der Ästhetik?“ Und dann ich so: „Ja, es steht einem wichtigen Menschen wie Ihnen wirklich an, Adorno derart zu kritisieren und man merkt sofort, dass Sie ein origineller Kopf sind. Auch ich selbst bin freilich ein origineller Kopf und habe mir schon zu Hause vor dem Spiegel eine originelle Antwort auf diese Frage überlegt: bla bla bla.“ Und dann so weiter und so weiter und immer so weiter. Brauchen Sie denn überhaupt mich? Durchkreuze ich nicht Ihre Pläne und nerve Sie? Sie wirken gerade sehr genervt und gelangweilt, das tut mir leid. Hier, nehmen Sie 50 € und schreiben Sie das Interview doch einfach selbst nach Ihren Vorstellungen. Sie brauchen mich doch gar nicht. Wer will denn heutzutage wirklich noch einen ernsthaften Dialogpartner haben?

Denn der würde ja sagen, dass er nur aus Langeweile schreibt oder aus einem ganz dunklen psychologischen Grund, aus reinem Geltungsdrang, aus Narzissmus, aus was weiß ich welcher schändlichen Haltung heraus. Um eine Rechnung zu begleichen, etwas zu Ende zu bringen, Platz für einen neuen Anfang zu schaffen. Denn das war das letzte was noch ausstand und danach kann die Freiheit endlich wieder lachen. Sollte man das tun? Ein Gedicht aus Rache veröffentlichen? Um jemand anderem ein letztes Mal weh zu tun und ihn dann für immer triumphierend von sich zu stoßen? Kann ein Mensch so böse und so hasserfüllt sein?

CN: Ihre Gedichte wirken aber nicht so, als wären Sie …

PG: Ich bin es, ich schreibe nur aus niederen Motiven und aus Ekel heraus. Doch ich darf es mir zugleich beim Schreiben nicht eingestehen, weil sonst würde ich mich selbst anekeln und würde gar nichts zu Papier bringen. Ich denk an die Sonne und dann vergesse ich die Wahrheit und die Ehrlichkeit und schreibe. Ja, dazu braucht man die Sonne: Um Ehrlichkeit und Wahrheit zu überwinden. Oh, was wäre ich ohne meine Sonne und meinen Mond? Ein Haufen Stein und zu 99,9 % bin ich das auch jetzt. Doch so habe ich ein paar Wassertropfen auf mir und ein paar Parasiten und es wächst ein wenig, was Idioten wie Sie dann zur ureigenen Aufgeilung heranziehen können und was Trottel wie Sie noch ein paar Tage mehr am Leben erhält. Sie werden das alles so veröffentlichen, ich habe Ihr Wort? Aber wissen Sie was – mir ist es egal, machen Sie mit dem Material, was Sie wollen. Schreiben Sie von mir aus alles aus sich selbst heraus. Ein fiktives Interview, was für eine lustige Idee, oder? Das wird Ihrer Originalität doch gerecht, darauf holen Sie sich doch einen runter. Wo bleibt denn diese blöde Schlampe, ich will einen Tee trinken? Ha! Diesen Satz werden Sie sicher zensieren, oder? Der passt Ihnen nicht ins Konzept? Oder ein gelungenes Stilmittel? Provokation ist ja auch immer wichtig. Da fällt Ihnen jetzt nichts mehr ein, was? Ich hab Sie durchschaut und bloßgestellt und Sie ertragen das nicht. Dabei können Sie mir noch nicht einmal die Frage beantworten, warum Sie sich das hier überhaupt antun. Ich beschimpfe Sie, ich mache mich über Sie lustig, ich rede wirres Zeug. Sie sitzen hier und zeichnen das alles auf, schlucken schön brav Ihre Wut herunter und lassen sich Ihren Unmut nicht anmerken. Sie ekeln mich so, Sie widern mich geradezu an. Leute wie Sie sind der widerlichste Abschaum dieses Planeten. Dank Ihnen dreht sich das alles trotz allen Übermaßes, Überdrusses und Überflusses doch noch irgendwie weiter. Ja, und auch dank Leuten wie mir. Aber ich weiß wenigstens, dass ich ein Arschloch bin, das gefüllt werden muss. Sie gucken hingegen klug und werfen Fragen auf. Bitte, fragen Sie.

CN: Sie haben meine Stimmung ganz richtig beschrieben und ich weiß gerade in der Tat nicht, was ich sagen soll.

PG: Sehr schön! Ich habe Ihnen die Sprache geraubt und kann nun gleich doppelt so gut schwadronieren. Man hat ja selten so eine gute Gelegenheit, die ganze Scheiße mal ordentlich rauszufluten. Keine Sorge, ich werde schon der Versuchung widerstehen, hier richtig intim zu werden. Gerade das wäre ja noch zu viel der Lüge und das weiß ich ja auch selbst. Ja, immer wieder eine neue Lüge bis man merkt, dass die Lüge einen nicht mehr trägt und dann weiter, weiter, weiter. Die Sonne scheint, die neue Sonne scheint, die neuste Sonne scheint. Man verbrennt dadurch, man wird ja fast schon selbst zur Sonne doch hat nicht die Kraft, Planeten zu ketten. Wie schön wäre das aber!

Nein nein, ich sollte mich an dieser Stelle endlich einmal beruhigen. Das denken Sie sich doch, nicht wahr? Sie haben gelernt, dass Beruhigung wichtig ist und beruhigen sich schön? Mit Ruhe und Gemütlichkeit? Doch Ihre verkommende Hackfresse beunruhigt mich bloß. Ein normaler Menschen würde ja aufstehen und gehen, aber Sie bleiben hier lammfromm sitzen und warten auf die Cappuccino-Schlampe. Ach, ich bin ja wieder so provokant heute!

CN: Wenn Sie sich beruhigen würden, würden Sie auch die Antworten auf Ihre Fragen sehen. Es ergibt ja alles Sinn, wenn man die Dinge nur in Ruhe durchgeht. Der Sinn drängt sich dann von selbst auf, er muss gar nicht mehr äußerlich hinzuaddiert werden. Ich finde es in der Tat wichtig, einen subkulturellen Diskurs aufrechtzuerhalten. Es gibt keinen Grund dafür. Man kann auch andere Dinge tun. Sie tun mir unglaublich leid. Sie haben sich in einer Frage und einer Weltsicht verkrampft, die keine Antwort kennt. Man macht einfach die Dinge, die man tut; man mag das, was man mag; man denkt das, was man denkt; man glaubt das, was man glaubt. Sie gehören zu der Sorte Mensch, die nicht das tut, was sie tut; die nicht das mag, was sie mag; die nicht das denkt, was sie denkt; und die vor allem nicht das glaubt, was sie glaubt. Sie sind verflucht und es wird für Sie nie Ruhe geben. Wie ein Vampir werden Sie ziellos durch die Welt irren. Aber ist das nicht auch noch ein Sinn, eine Verhaftung? Ja, auch aus Ihrem ewig unerfüllbaren Begehren spricht doch eine Tiefe Liebe zum Leben – gerade ein besonders bedingungslose, besonders tiefe Liebe. Sie hassen das Leben ja nur, weil es nicht lebendig genug ist, weil es nie die höchste Stufe der Lebendigkeit erreichen kann. Die Leute, die wie ich das Leben lieben, hassen es meist in Wahrheit, wir geben uns mit wenig Leben zufrieden. Wir sind Kleingeister, Heuchler und Lügner, Sie haben uns treffend charakterisiert. Wir gehören zum Leben so dazu, wie Parasiten zu einem Organismus gehören. Sie lieben den Wirt doch zerstören ihn nur. Sie hingegen sind ein Virus. Sie hassen den Wirt und wollen ihn zerstören, doch objektiv bestärken Sie ihn nur, indem Sie ihn zur Erneuerung und zur Abhärtung zwingen. Sie sehen, letztendlich ist der Unterschied zwischen uns nicht so groß. Vielleicht ergänzen wir uns wechselseitig ganz gut?

Ich versuche, dankbar dafür zu sein, dass Sie mich beleidigen, weil mir die Menschen, die mich loben letztendlich nur schaden. Man müsste sich nur mit denen abgeben, die einen beleidigen, denn nur die wissen die Wahrheit über einen. Wer könnte das aushalten? Auch Sie nicht, gestehen Sie es ein! Auch Sie sind noch Parasit und nicht reiner Virus.

Kellnerin: Entschuldigen Sie, Sie haben sich so angeregt unterhalten, da wollte ich Sie nicht unterbrechen. Ich konnte nicht umhin, Ihrem Disput ein wenig zu lauschen und würde mich gerne ein wenig zu Ihnen setzen, wenn es Ihnen genehm ist?

PG: Mir wäre es unangenehm, weil ich Sie ziemlich geil finde und mich die Anwesenheit von geilem Fleisch noch nervöser macht als ich ohnehin schon bin. Aber ich werde es einmal meinem Freund gleichtun und ein wenig unehrlich sein und nicht so provokant.

Kellnerin: Danke, ich weiß Ihre Ehrlichkeit zu schätzen und werde Sie alsbald in Ruhe lassen. Vielleicht wäre die Welt besser, wenn alle Menschen so unmittelbar ehrlich wie Sie und ich möchte Ihnen das nicht ausreden. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass es eine wahre Sonne im Universum gibt, die wirkliches Licht und wirkliche Wärme spendet. Es muss mindestens eine geben, da sonst das ganze Universum sofort erkalten würde, nicht wahr? Denn wie kann ein falsches Licht und eine falsche Wärme je diesen Zweck erfüllen? Ein falsches Licht und eine falsche Wärme können nur ein falsches Leben produzieren. Und doch sind auch das falsche Licht und die falsche Wärme nur hell und warm durch das wahre Licht und strahlen in seinem Namen. Könnte man nicht Ruhe finden, wenn man daran immer denken würde? Ich wollte es nur gesagt haben.

PG: Bitte, gehen Sie jetzt. Ich habe Ihnen nicht zu gehört, sondern nur auf Ihre Titten geglotzt und werde Ihnen auch nicht zuhören. Sie sind dumm und haben zu einem solchen Gespräch nichts beizutragen.

Kellnerin: Danke, dass Sie mir die Wahrheit über mich sagen und aus Ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Ich bringe Ihnen nun Ihren Tee und Ihren Cappuccino gleich.

PG: Aber ein bisschen plötzlich! Und ich würde dann auch gern zahlen!

Kellnerin: Bitte sehr, der Herr. Geht das zusammen oder getrennt?

PG: Die Pappnase zahlt natürlich.

CN: Sehr gerne. Es war mir eine große Freude, Ihren Ausführungen lauschen zu dürfen. Es hat mich sehr erbaut.

PG: Und Sie werden alles genau so abdrucken?

CN: Bleibt mir denn eine andere Wahl? Die Wahrheit muss doch gedruckt werden.

PG: Ach, die Wahrheit, was ist schon die Wahrheit? Du bist einfach eine blöde devote Schwuchtel. Ich würde so ein Interview niemals abdrucken. Ich habe nur Mist geredet, um mich selbst darzustellen und dich vorzuführen, Schlampe. Macht dich das geil?

CN: Ein bisschen, ich muss es zugeben. Ich bin innerlich sehr aufgewühlt im Moment und hin- und hergerissen.

PG: Werde, der Du bist. Ich muss jetzt gehen. Adieu, mein liebster Freund.

CN: Ich werde dich vermissen.

PG: Wir halten es schon ganz gut aus miteinander, oder?

CN: Wir werden auch in Zukunft gut zusammenarbeiten, versprochen.

Kellnerin: Ich finde, ihr seht sehr süß aus zusammen. Wollen wir nicht zu dritt nachher noch einen Kaffee trinken gehen?

PG: Nein, nicht mit dieser blöden Schwuchtel.

Er geht urplötzlich, lässt seinen Tee stehen und auch die Papiere. Ich bezahle möglichst schnell ohne ein weiteres Wort zu verlieren und gehe auch.

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