Andreas Maier: Kirillow – Der Roman der Frankfurter Linken

Ich hatte immer geglaubt, jemand müsste diesen Roman schreiben, eines der letzten großen ungeschriebenen Werke der Weltliteratur, das noch auf seine Realisierung wartete. Ich schrieb diese historische Mission abwechselnd meinem alten Freund und Kupferstecher S., von dessen schriftstellerischen Qualitäten man sich auf seinem Blog überzeugen kann, der leider derzeit inaktiv ist, dem immer für eine gute Anekdote zu habenden P. oder auch dem Veteran Z. zu, alles sehr talentierte, großartige Menschen. In Anfällen der Unbescheidenheit gar mir selbst.

Ausgerechnet mein aus Berlin zugezogener Mitbewohner J. verdarb mir diesen Traum. Man sagt ja, dass es nichts Schlimmeres gäbe als wenn Träume in Erfüllung gingen. Doch in diesem Fall zumindest kann ich dem Volksmund nicht recht geben. J. verdarb mir diesen Traum, den Traum von einer Chronik, einem Roman, einem Epos der Frankfurter linksradikalen Studentenszene, indem er mich darauf aufmerksam machte, dass er bereits geschrieben wurde. Und zwar, wie ich herausfand, so gut, so vollendet geschrieben wurde, dass sich jedes weitere literarische Experiment in dieser Richtung nur blamieren könnte. Ich spreche von Andreas Maiers 2005 bei Suhrkamp erschienenem Roman Kirillow.

Nichts weiter als ein Chronist des Lebens in seiner Vielfalt, Großartigkeit und Abgründigkeit zu sein ist die erhabenste Ausgabe eines Künstlers, speziell eines Literaten. Er muss nichts weiter hinzutun als durch das geschickte Betonen einiger Aspekte, das kunstvolle Abblenden anderer den Eindruck der Großartigkeit und Abgründigkeit zu intensivieren, um die Wahrheit der geschilderten Situation deutlicher hervortreten zu lassen. In einigen Fällen ist der Gegenstand bereits so großartig und abgründig, dass es nur eines minimalen Zutuns bedarf. Es geht fast nur mehr darum, an einem Einzelfall die Grundzüge des Phänomens besonders plastisch hervortreten zu lassen. Das ist selbst bei einem Gegenstand wie der Frankfurter linksradikalen Szene keine leichte Aufgabe. Andreas Maier hat sie glänzend gelöst.

Die Frankfurter linksradikale Studentenszene existiert wahrscheinlich bereits seit den 50er Jahren ununterbrochen bis heute und bündelt in sich nahezu alle vorstellbare Hässlichkeit und Niedertracht, aber auch alle Schönheit und alle Erhabenheit. Generationen von Studierenden der Geistes- und Sozialwissenschaften mussten nach immer gleichen Gesetzmäßigkeiten durch diese harte Schule des Lebens hindurch, manche sind an ihr zerbrochen, andere haben sich in ihr mit der Normalität zu versöhnen gelernt. Es geht um Ideale und Verrat, Leidenschaft und Sehnsucht, Überzeugung und Anpassung, Theorie und Praxis. Und natürlich Alkoholika (viel, viel Bier und auch Apfelwein) und Liebe. Der Witz ist freilich, dass es trotz der Etikettierung „links“ nicht um Politik geht. Jedenfalls nicht um das ‚utilitaristische Geschacher‘, das Nietzsche als „kleine Politik“ bezeichnet. Es geht um Politik als Utopie, als Revolution und als Wahrheit – derart überspannt und zugespitzt, dass es einigen als völlige Abwesenheit jeglicher Politik erscheinen mag. Denn dieser POLITIK kann keine Politik genügen. Es geht um die Verneinung alles Bestehenden in der Tradition Adornos und Horkheimers, immer wieder wird in dem Roman indirekt Adornos Diktum „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ zitiert. Es geht um das eigene Ich und die Entgegensetzung gegen alles Angepasste, alles Alte. Es geht, mit einem Wort: Um Romantik. Die Frankfurter Linken sind ihre letzten wahren Erben. Gerade dies hat Andreas Maier in seinem Roman minutiös festgehalten. Der Titel verrät es bereits, Kirillow ist eine Gestalt aus Dostojewskis Roman Die Dämonen. Es geht um die Begegnung zwischen dem Russland Dostojewski, dem Russland des Nihilismus, Wahnsinns und Untergangs, und der beschaulichen Krämer- und Bankerstadt am Main. Die Frankfurter linksradikalen Studenten sind die Kinder dieser Ehe.

Der Roman spielt Anfang der Nuller Jahre. Es gab das „IvI“ als Hort, geradezu Inbegriff der beschriebenen Mentalität noch nicht, aber es gab bereits das „Exzess“, in dem Roman liebevoll und passend „Café Ausweg“ genannt, sowieso das KoZ und auch schon den zu dieser Zeit gerade neuen Campus Westend. Im Fokus steht ein Freundeskreis, in dem zwei Generationen aufeinanderprallen: Einmal Kober und seine Freundin Anja, die beide ihr Studium bereits abgeschlossen haben und stipendiatisch gefördert promovieren, einmal Anjas jüngerer Bruder Julian, sein Freund Jobst und seine Freundin Eva. Sie sind politisch linksradikal unterwegs, lesen Philosophen von deutschen Idealismus über Marxismus bis Existenzialismus, trinken exzessiv, haben wechselhafte Affären, treiben sich nächtelang in Internetforen herum und haben keinen regelmäßigen Schlafrhythmus. Die Handlung der Romans wird durch die Begegnung mit einer plötzlich auftretenden Gruppe von Russen vorangetrieben, die die deutschen Studenten auf das Manifest eines russischen Freundes namens Kirillow aufmerksam machen. In diesem Manifest (das der Leser freilich nie zu Gesicht bekommt, sondern nur aus den Berichten von Julian und Jobst) wird genau das vertreten, was insbesondere Julian denkt und er macht es begeistert zur Grundlage seines Denkens und Handelns: Die gesamte Erwachsenenwelt ist bis ins Mark verkommen, jeder, der an ihr irgendwie teilhat, macht sich an dieser Verkommenheit mitschuldig. An Kober verachtet er, dass er sich aus seiner Sicht angepasst hat. Gleichzeitig wird in dem Roman angedeutet, dass Kober früher genauso wie Julian gewesen sei.

Auch Kober hadert jedoch mit seiner neu-gefundenen Normalität, sie entspringt eher einer gewissen Resignation, die seine Freundin im Gespräch mit Julian so formuliert: „Wir machen keine Politik. Wir machen gar nichts. Gar nichts machen ist das einzige, was man tun kann.“ (S. 301) Der Unterschied zwischen Kober und Anja und den jüngeren ist also im Grunde nur, dass diese sich keine Illusionen über den politischen Charakter ihres Tuns mehr machen und sich ins Private, Unmittelbare zurückziehen, während Julian und Co. noch daran glauben, dass ihr Engagement irgendeine politische Relevanz hätte, den Nihilismus also noch nicht konsequent genug verfolgen.

Der Roman stellt diesen quasi-religiös begründeten Nihilismus dar und rechtfertigt ihn gegenüber der deutsche Kleinbürgerideologie, die ihn am liebsten ausrotten würde, und den mit ihr verbundenen Geist der Ernsthaftigkeit. Es geht stattdessen um Rausch, Spiel, Abenteuer. Auch wenn die Freunde am Ende des Romans zu den Protesten gegen die Castor-Transporte ins Wendland hinausfahren, tun sie das nicht aus einer realpolitisch irgendwie verständlichen Haltung, sondern aus dem nihilistischen Willen, irgendetwas gegen „das Ganze“ zu tun, heraus.

Gleichzeitig demonstriert der Roman jedoch, dass genau jener Nihilismus viel lebensbejahender ist als die Normalität der deutschen Kleinbürger. Gerade die Gleichgültigkeit ermöglicht erst eine wirklich intensive Hingabe an das Leben. Denn sie ist getragen von dem absoluten Willen, das Unmögliche zu realisieren.

So funktioniert auch der Roman: Es wird, passenderweise in einer an Thomas Bernhard erinnernden Sprache wie Erzählhaltung, nichts kritisiert oder skandalisiert, aber auch nicht das Gegenteil, es wird einfach nur dargestellt, was ist, in gebündelter Intensität. Erst die Distanz ermöglicht Andreas Maier, seinen Gegenstand zu treffen, aber ebenso wenig die völlige Anteilslosigkeit. Er schreibt aus der Position Kobers heraus. Irgendwie mit dieser Szene noch emotional verbunden aber ihr irgendwie auch entwachsen. Aus einer anderen Position heraus hätte man diesen wirklich genialen Roman wohl auch nicht schreiben können. Denn wer selbst Mitglied dieser Szene ist, erkennt ihre eigentümliche Psychologie nicht, wer sie völlig von außen betrachtet erscheint sie als Ansammlung von spätpubertierenden Gestörten, „Chaoten“ und „Ratten“, die, je nach Milde, überhaupt nicht Ernst zu nehmen oder am besten auszurotten seien (so etwa die Nachbarn Kobers über denselben).

Und es fehlt wirklich an nichts, nicht einmal an der Figur des plastiktütentragenden „Honks“, der eigentlich schon viel zu alt für die Szene ist, qua seiner Unnormalität von ihr jedoch trotzdem aufgenommen wird.

Doch der Roman zeigt zugleich durch seinen Hyperrealismus auch die Probleme dieser Haltung: Sie führt, derartig konsequent zu Ende geführt, zur Selbstzerstörung und zur völligen Weltentleerung, zur Depression, zum Selbstmord. Genau dieses Ambivalenz stellt er dar ohne sie zu verurteilen oder zu verklären. Beides würde dem Gegenstand nicht gerecht. Ihn zu verurteilen hieße, der Welt, wie sie ist, recht zu geben und den Widerstand gegen ihn als individuelle psychische Abirrung zu denunzieren, ihn im Gegenteil zu verklären hieße, seine (selbst-)zerstörerischen Aspekte auszuklammern. Denn als Reaktion auf das falsche Bestehende ist er auch selbst falsch. Es gibt keine Reinheit, nur in der reinen Innerlichkeit, doch die ist ideologisch. Sie zu versuchen herzustellen ist ein reiner Alptraum, so viel Erhabenes auf diesem Weg auch passieren mag. Führt deshalb kein Weg daran vorbei, sich letztendlich doch vollständig in das Bestehende zu integrieren, letztendlich doch dem Vorbild der seit der Schulzeit verhassten Angepassten zu folgen, vor denen man nach Frankfurt geflüchtet ist? Das ist auch keine Option, doch vielleicht lässt sich der Kampf um die Wahrheit mit mehr Entspanntheit führen, wenn man um seine prinzipielle Vergeblichkeit weiß. Wenn es eine „Lehre“ aus dem Roman gibt, dann mag es diese sein.

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