Spreu und Weizen

Spreu und Weizen

 

Über Inside I’m Dancing (Irland 2004; Regie: Damien O‘Donnel) und Renn, wenn Du kannst (Deutschland 2010; Regie: Dietrich Brüggemann)

 

Ich halte es für sinnvoll, gleich von Anfang an durch einen Vergleich zweier Filme klarzustellen, was mir die grundsätzliche Problematik aller Thematisierungen von Behinderung im gegenwärtigen Diskurs zu sein scheint und was ich in etwa als gute oder schlechte Thematisierung betrachten würde. Um es vorwegzunehmen: Inside I’m Dancing halte ich für einen der besten Filme zu dem Thema, Renn, wenn Du kannst für einen der schlechtesten.

Der Vergleich bietet sich an, da sich beide Filme im Grunde um Ähnliches drehen: Die Schicksale junger schwerbehinderter Männer. Es ist überhaupt auffallend, das sei hier einmal grundsätzlich festgestellt, dass es in allen „Behindertenfilmen“ fast ausschließlich um Männer und Probleme von Männern mit Behinderung geht. Es ist klar, dass das die Problematisierung in eine ganz bestimmte Richtung treibt.

Die Probleme junger schwerbehinderter Männer unterscheiden sich nun nicht wesentlich von denen normaler junger Männer: Es geht darum, sich in der Gesellschaft einen Platz zu erkämpfen, was sich insbesondere dadurch ausdrückt, beruflich und partnerschaftlich erfolgreich zu sein. Das ist ja einer der verbreitetsten Filmplots: Ein junger Mann oder eine junge Frau kämpft um einen Platz in der Gesellschaft und findet ihn letztendlich allen Hindernissen zum Trotz auch (und sei es, indem sie oder er sich mit einem schlechten Platz zufrieden gibt). Konkret geht es um einen angemessenen beruflich-materiellen Status und natürlich die „Partnerin fürs Leben“ (bzw. im Falle von Schwerbehinderten auch durchaus, überhaupt nur ein Sexualleben zu haben).

 

Die Protagonisten beider Filme versagen in diesem Punkt völlig. Ben im deutschen Film kann seit einigen Jahren nach einem Autounfall Beine und Unterleib nicht mehr bewegen und ist daher auf Vollzeitpflege angewiesen, quält sich mit seiner scheinbar nie fertig werdenden Magisterarbeit rum. Er ist ein wandelndes Stereotyp. Schlecht gelaunt und zynisch macht er seinen Pflegern wie seiner Mutter und seinen spärlichen Geliebten durch gezielten Psychoterror das Leben zur Hölle, ein verbitterter Literaturwissenschaftler – der auch sagt, dass sein Studium nur dazu diene, ihn von seinen wirklichen Problemen abzulenken –, der mit der Vergangenheit nicht abschließen kann.

Der verbitterte Ben trifft auf seinen neuen, lebenslustigen Pfleger Christian, Zivildienstleistender und angehender Medizinstudent. Von dem erfährt man in dem Film auch nicht viel mehr als das, später stellt sich nur noch heraus, dass auch er in gewisser Weise „behindert“ ist, weil er kein Blut sehen kann – aber er schafft es im Verlauf des Films natürlich, damit umzugehen und trotzdem Arzt werden zu können. Christian muss so als positives Gegenbeispiel zu Ben herhalten. (Dass Christian in seiner strotzenden Lebenskraft Ben permanent hinter den Rücken fällt und eigentlich ein ziemlich unsympathischer Charakter ist, fällt da unter den Tisch – am Ende vertragen sich alle.)

Das Finale. Das Trio Ben, Christian und Annika wiedervereint nach einigen Monaten Kontaktstopp auf Bens Balkon.

Das Finale. Das Trio Ben, Christian und Annika wiedervereint nach einigen Monaten Kontaktstopp auf Bens Balkon.

Gemeinsam lernen sie die Cellistin Annika kennen. „Oha, eine Dreiecksbeziehung, und auch noch zwischen einem Rolli und einem gut aussehenden Nichtbehinderten wie Christian – das gibt ordentlichen Zündstoff. Ob das wohl gut geht?“, weiß der Zuschauer von der ersten Sekunde an. Brisant wird die Sache zumal dadurch, dass Ben seit Jahren Annika vom Balkon aus beobachtet, wie sie mit dem Fahrrad an seinem Wohnblock vorbeifährt. Nach einigen Irrungen und Wirrungen schlägt sie, die wiederum selbst ein wenig indisponiert ist in Karrieredingen durch ihre panische Auftrittsangst, tatsächlich die Avancen von Christian aus und landet mit Ben im Bett. Bens Grundhaltung ist hierbei, dass es eigentlich keine Liebe für Behinderte geben kann, da normale Frauen, die auf behinderte Männer stehen, meist „ziemlich seltsam“ seien und die Alternative sei, dass sich zwei Behinderte in wechselseitigem Mitleid ein wenig das Leiden mildern. Außerdem trauert er noch seiner alten Freundin aus nichtbehinderten Zeiten hinterher. (Die – ich spoilere jetzt mal die große Pointe des Films – im selben Autounfall starb, in dem er behindert wurde; er saß am Steuer.)

Die Begegnung zwischen beiden scheitert nun daran, dass Ben darauf beharrt, den gewöhnlichen Geschlechtsakt zu vollziehen, dies jedoch nur unter Zuhilfenahme chemischer Hilfsmittel tun kann und ohne an der entscheidenden Körperstelle etwas zu empfinden. Davon ist Annika genervt und bricht die Zärtlichkeit ab – worin Ben wieder nur seine Weltsicht bestätigt sieht. Annika übrigens selbst auch, da in dem Film angedeutet wird, dass sie sich ihrer eigenen Einschätzung nach immer wieder zu derartig komplizierten Beziehungen verleiten lässt.

Am Ende überwinden alle drei ihre jeweiligen Macken durch eine positive Lebenseinstellung. Christian wird wie erwähnt Arzt, Annika versucht es mit einem anderen Ausbilder, Ben – nun ja, so richtig klar, was er nun genau macht, wird eigentlich nicht, da zumindest mir unklar blieb, was in seiner Abschlussrede nun Fiktion und was Realität ist. Jedenfalls wird als entscheidender Fortschritt dargestellt, dass er nun eine weibliche Betreuerin hat, was er zuvor âus Stolz strikt ablehnte.

Einer der bittersten Pannen des Films ist, dass Annika in eben jener Abschlussszene ein T-Shirt mit der Aufschrift „Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichts passiert“ trägt, ohne dass das weiter in Film thematisiert würde. Ich bin mir sicher, dass das jemand, der durch einen Autounfall seine Freundin verlor und selbst schwer verletzt wurde, zu Recht nicht besonders witzig finden würde. Oder soll der positive Sinneswandel Bens dadurch zum Ausdruck gebracht werden, dass er dieses T-Shirt nicht beachtet? Haben sich die Filmmacher dabei überhaupt etwas gedacht?

Annika und Christian in Bens Wohnung am Ende des Films. Man beachte Annikas T-Shirt.

Annika und Christian in Bens Wohnung am Ende des Films. Man beachte Annikas T-Shirt.

In diesem auch handwerklich (sowohl was die schauspielerische Leistung als auch, was das von Konsistenzfehlern und willkürlichen Wendungen nur so strotzende Drehbuch angeht) grottenschlechten Machwerk ist eigentlich alles stereotyp. Die platte Botschaft des Films in bester neoliberaler Ideologie: Letztendlich sind die Behinderten selbst an ihrem Unglück schuld, weil sie so eine negative Haltung zum Leben haben. Diese Moral wird in dem Film von Beginn an durchexerziert nach dem Schema des Bildungsromans.

Natürlich entspricht selbst diesem Film einiges an Realität. Es mag solche verbitterten Menschen geben – und das sind sicher nicht nur Behinderte. Doch der Film konstruiert aus diesen Realitätsmomenten eine bizarre Moral der Realitätsflucht und des „positive thinking“, die wirklich keiner Diskussion bedarf. Im Übrigen wird sie am Ende des Films selbst konterkariert: Christian und Annika gelingt es ihre Handicaps zu überwinden und eine berufliche Zukunft zu starten, vielleicht einen passenden Partner zu finden. Ben bleibt in seiner Wohnung und wird nun von einer attraktiven Pflegerin betreut (sofern er sich in sie ernsthaft verlieben sollte, ist das nächste Drama schon vorprogrammiert), von einer beruflichen Perspektive ist nicht die Rede. Wunderbar!

Es ist bezeichnend, dass dieser Film nicht nur einige Preise erhielt, sondern mir sogar von einer wohlmeinend, sich irgendwie als linksalternativ verstehenden, eigentlich cineastisch relativ bewanderten Bekannten als Film empfohlen wurde, in dem besonders treffend die Sexualität von Behinderten dargestellt würde. O-Ton: „Aber ich habe auch einen relativ guten Überblick über das, was Behinderte selbst zu Sexualität und deren Auslebung sagen, nicht zu letzt [sic] sei der Film ‚Renn wenn du kannst‘ zu nennen.“ Es ist ganz schön bitter, dass Leute anscheinend ernsthaft davon überzeugt sind, etwas über die „Sexualität und deren Auslebung“ von Behinderten zu wissen, wenn sie diesen Film gesehen haben – und dann auch noch davon, dies sei keine bizarr-fratzenhafte Außenbeschreibung, sondern die Eigenwahrnehmung von Behinderten. „Behinderte“ gibt es nach der Lehre des Films ja schlicht gar nicht, sondern nur Menschen mit einer negativen und Menschen mit einer positiven Lebenshaltung. Unter diesem abstrakten Blick verschwindet dann auch das, wie oben geschildert, sehr spezifische Verhältnis des Protagonisten zu seiner Sexualität – so, als seien alle Behinderten impotent.

Als einzig positive Aussage zu dem Film bleibt mir, dass es auf der DVD eine Fassung des Films für Blinde gibt, in der die bildlichen Elemente des Films quasi nacherzählt werden. Das finde ich eine wirklich gute Idee – doch warum ausgerechnet bei diesem Film und nicht bei ganz „normalen“? Klar: Dieser Film ist für arme verbitterte Behinderte ja besonders pädagogisch wertvoll.

 

Der Film Inside I’m Dancing (man muss an beiden Filmen freilich kritisieren, dass die Titel etwas arbiträr sind und im Grunde nur markieren, dass es jeweils um Rollstuhlfahrer geht), handelt von Michael Connolly und Rory O’Shea. Michael kann nur seinen Oberkörper bewegen und das nur mühsam, wenn er spricht, ist er kaum verständlich. Rory kann sich überhaupt nicht bewegen, dafür jedoch sprechen. Beide treffen in einem Pflegeheim aufeinander und kommen sich aus einem ganz pragmatischen Grund näher: Michael kann mit seinen Armen Rory helfen, Rory versteht wiederum als einer der einzigen, was Michael sagt und kann so als „Dolmetscher“ für ihn arbeiten. (Das zeigt deutlich, wie relativ die Kategorie „Verständlichkeit“ ist.) Michael hat sich mit dem eintönigen Leben im Heim abgefunden, Rory hat nur einen Wunsch: Er will unbedingt nach draußen und ein möglichst unabhängiges Leben ohne die maternalistische Betreuung der Pflegerinnen führen. Er ist Punk und hört entsprechende Musik, in seinem Zimmer hängt u.a. ein Che Guevara-Poster.

Michael und Rory treffen ihre künftige Pflegerin Shioban im Supermarkt.

Michael und Rory treffen ihre künftige Pflegerin Shioban im Supermarkt.

Die Begegnung mit Rory erweckt in Michael ebenso das Bedürfnis nach Freiheit und der Welt da draußen und so tun sie sich zusammen, um eine Wohnung in Dublin zu mieten. Nach einigem Ärger mit Behörden und Vermietern verwirklichen sie dieses Ziel auch. Als Betreuerin stoßen sie in einem Supermarkt auf die dort arbeitende Shioban, die sie aufgrund ihrer optischen Reize und weil sie keine Lust haben, sich von dubiosen Christen und dergleichen bevormunden zu lassen, auch gleich einstellen.

Ab diesem Zeitpunkt erhält der bis dahin wirklich sehr lustige und unterhaltsame Film eine traurige Wendung. Sowohl Rory als auch Michael entwickeln Gefühle für Shioban. Rory erkennt früh, wie sinnlos diese Gefühle sind – es ist schließlich klar, dass Shioban nur nett zu ihnen ist, weil sie nun mal für sie arbeitet und einen ganz anderen Partner sucht, und flüchtet sich in eine Art Zynismus, da er Unaufrichtigkeit verabscheut. Michael hält jedoch an der Illusion fest, dass es zwischen Shioban und ihm eine echte emotionale Bindung gäbe. Als diese Illusion zerbricht, will er sich umbringen. Er fährt zu einer Brücke in Dublin, Rory fährt ihm nach. Sie erkennen, dass sie sich selbst wenn sie wollten, sich wegen dem zu hohen Geländer gar nicht von der Brücke stürzen könnten und drehen lachend um. Rory: „Take a letter, Michael. To Dublin City Council. Dear sir or madam, as wheelchair users with suicidal intentions, I must protest at the lack of facilities. None of the bridges are equipped with easy parapet access. Thus curtailing the rights of the disabled to throw themselves in. Yours in disgust, Rory Gerard O’Shea and Michael Connolly.“

Michael und Rory lachend auf der Brücke gegen Ende des Films.

Michael und Rory lachend auf der Brücke gegen Ende des Films.

Am Ende des Films stirbt Rory an seiner Krankheit. Auf sich allein gestellt, beschließt Michael trotzdem nicht aufzugeben und beginnt, unterstützt nun von einem männlichen Betreuer, ein Jurastudium. Er scheint zufrieden mit seinem Leben zu sein.

Dieser Handlungsabriss verrät nicht einmal annähernd den unglaublich bezaubernden Humor des Films. Das Gespann Rory-Michael verfängt sich immer wieder in unangenehmen Situationen, die es jedoch gemeinsam auch immer wieder zu lösen versteht. Vielleicht gerade weil es kein ernstes Drama sein will wie Renn, wen Du kannst, sondern eben eine Komödie, trifft der irische Film freilich auch die objektive Tragik des Lebens von behinderten Menschen in einer strukturell behindertenfeindlichen Gesellschaft besser als der versöhnlerische Kitsch des deutschen. Die Schauspieler sind dabei wirklich großartig, Rory und Michael erscheinen wirklich als Individuen, nicht als wandelnde (oder eben: fahrende) Stereotype wie Ben und Co. Wie jeder Mensch vereinigen sie mehrere Tendenzen in sich, die sich in komplexen Widersprüchen zueinander verhalten, sind nicht einfach Illustrationen des Prinzips „negative Lebenseinstellung“.

Michael wird von den Pflegerinnen vermessen.

Michael wird von den Pflegerinnen vermessen.

Seine Komplexität gewinnt der Film besonders aus dem Vergleich zwischen dem Schicksal von zwei ähnlich schwer behinderten Männern. Wie angedeutet neigt Michael eher dazu, sich damit abzufinden, als Quasikind angesehen und behandelt zu werden in der Obhut der Pflegerinnen. Sein Widerspruch besteht darin, dass ihm diese Selbstinfantilisierung eben nicht ganz gelingt. Eine besonders eindrückliche, fast emblematische Szene ist am Anfang des Films: Michael wird von seinen Pflegerinnen fast nackt untersucht, Rory fährt in den Raum und bemerkt sofort, wie unangenehm Michael diese Situation ist (gerade wegen der Intimität, die er sich ja eigentlich wünscht) und macht sich über ihn lustig. Ebenso gelingt es Michael nicht, seine Gefühle gegenüber Shioban auf dieser quasiinfantilen Ebene einzuschließen, er verlangt das Quasiunmögliche.

Rory hingegen rebelliert von Anfang an gegen jegliche Form der Bevormundung, er will Normalität um jeden Preis. In einer Szene sitzt er illegalerweise hinter dem Steuer eines Autos und baut einen kleinen Unfall. Als die eintreffenden Polizisten bemerken, dass er behindert ist, wollen sie ihn am liebsten gleich wieder wegschicken, er beharrt jedoch darauf, eine Straftat begangen zu haben und will unbedingt ins Gefängnis. Sein Tod ist wie die Vollendung des Scheiterns seines unmöglichen Begehrens.

Der Film belehrt nicht, sondern lässt es bei dieser Aporie stehen, in der behinderte Menschen stehen. Einerseits dem Wunsch nach Normalität und ihrer Unmöglichkeit, andererseits das Einrichten in der Rolle als behindertes Quasikind, in die auch Rory immer wieder zurückfällt.

Der Film zeigt also selbstbewusste Behinderte, die für ihre Rechte kämpfen und weder lebensfroher noch lebensverneinender als der Rest der Bevölkerung eingestellt sind. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei, wie bereits durchschien, auf den sexuellen und romantischen Bedürfnissen der beiden. Man muss zugeben, dass ihr Verhalten, sich eine Pflegerin allein wegen ihrer optischen Reize auszuwählen, sich dann in sie zu verlieben und ein Riesendrama auszulösen nicht besonders sympathisch ist. Gleichzeitig macht der Film absolut plausibel und nachvollziehbar, warum sich die beiden so verhalten und wie es zu dieser Situation kommen konnte. Sie haben nun einmal sexuelle und emotionale Bedürfnisse wie jeder „normale“ Mann auch und es ist richtig, das auch so direkt und ohne Beschönigung darzustellen.

Die Stärke des Films ist eben, um es noch einmal zu pointieren, dass er eben nur zeigt, weder beurteilt noch verurteilt noch Lösungen behauptet, wo es keine gibt in dieser Gesellschaft. Das macht gelungene gesellschaftsrealistische Kunst aus. Der hervorragend herausgearbeitete Gegensatz zwischen Rory und Michael wird einer der zentralen sein, auf die immer wieder zurückzukommen sein wird.

Ich kann in diesem Sinne auch nicht den zahlreichen negativen Kritiken an Inside I’m Dancing zustimmen. Berechtigt finde ich allerdings den Hinweis darauf, dass beide Darsteller nicht-behindert sind, obwohl es gerade für diesen Film ein leichtes gewesen wäre, einmal einem schwerbehinderten Schauspieler (die es ja durchaus gibt) die Gelegenheit zu einem Auftritt zu verschaffen. Dies ist wiederum ein Problem der allermeisten Behindertenfilme. Fast ausnahmslos werden sie von nichtbehinderten Menschen gemacht, in keiner Instanz spielen Behinderte eine aktive Rolle im Produktionsprozess, sie kommen hier wieder einmal nicht selbst zu Wort, sondern über sie wird gesprochen, sie werden repräsentiert. Es ist demgemäß wahr, dass Inside I’m Dancing dadurch seinen eigenen Inhalt, insofern er Verhältnisse problematisiert, in denen Behinderte bevormundet werden, konterkariert. Das ist ein zu benennender Wermutstropfen, ändert jedoch an der immanenten Qualität des Films nichts.

Es ist eben wie mit meiner oben erwähnten Bekannten: Man geht als Nichtbehinderte in einen von Nichtbehinderten gedrehten Film und meint dann, ganz genau zu wissen, wie es um Behinderte in ihren intimsten Angelegenheiten so steht und auch noch, Behinderte wie mir selbst mit diesem „Wissen“ belehrend konfrontieren zu müssen. Ein „Wissen“ das noch dazu so tut, als seien derartige Filme wie authentische Aussagen von Behinderten über ihre eigene Lage zu behandeln! Dieselbe Person würde mich sicherlich in unfreundlichem Tonfall kritisieren, wenn ich über „die Sexualität von Frauen“ in ähnlicher Diktion unter Verweis auf einen ähnlich schlechten Film schreiben würde. Dabei ist klar, dass meine eigene Behinderung überhaupt nicht mit der des Protagonisten des Films vergleichbar ist. Tief sitzende Behindertenfeindlichkeit nimmt hier die Form pathischer Projektion an unterstützt von kulturindustriellen Stereotypen. Das Kranke ist, dass es eben solche Leute sind, die behinderten Menschen erst das Leben zur Hölle machen und sie so dazu bringen, sich in Zynismus, Minderwertigkeitskomplex und Selbsthass zu flüchten, um ihnen dann zu raten, sie sollten doch was an ihrer Lebenseinstellung ändern. Es ist, als wäre die Dialektik der Aufklärung nie erschienen.

Und sie ist es für Leute wie meine Bekannte tatsächlich nicht, widerspricht ihre Lektüre und die damit einsetzende (Selbst-)Reflexion doch der potentiell mörderischen Moral des „positive thinking“. Sie sind dumm in dem Sinne, dass sie nicht denken wollen. Die im Übrigen sehr protestantische, sehr deutsche Moral des „positive thinking“ hier, eine diesseitsbezogene, die Widersprüchlichkeit des Lebens nicht von vorneherein verneinende, geradezu amoralische katholische Welthaltung dort. Nicht zufällig tragen die drei Protagonisten in dem deutschen Film urdeutsche, die im irischen urirische Namen. Insbesondere Rory spricht einen wunderbaren irischen Unterschichtsakzent, der Film bringt einige wundervolle Ansichten von Dublin, es ist wirklich ein irischer Film. Aus der Distanz betrachtet handelt Renn, wenn Du kannst nicht von Behinderten und Nichtbehinderten, sondern einfach von drei typisch deutschen Bürgertumskindern mit bürgertumsspezifischen Protestantenkomplexen (beziehungsunfähig, neurotisch-pervers, innerlich, narzisstisch, selbsthassend, moralverseucht), die sich durch wechselseitige Intrigen das Leben zur Hölle machen anstatt sich etwa einfach mal offen auszusprechen wie es in Inside I’m Dancing stattfindet. (Hier nur neurotisches Angeschreie, dort echte Diskussionen. Hier gibt es für die Versöhnung am Ende keinen wirklichen Grund weil in Wahrheit nichts geklärt wurde, dort findet eine echte Entwicklung der Figuren und ihrer wechselseitigen Verhältnisse statt.)

Bemerkenswert ist dabei nicht zuletzt, dass, wie man den jeweiligen Making-of’s auf den DVDs entnehmen kann, die Macher von Inside I’m Dancing explizit keinen politischen Anspruch mit dem Film verfolgten, noch nicht einmal einen „Behindertenfilm“ machen wollten, sondern einfach einen Film über zwei junge Männer. Die vom deutschen Film hingegen verfolgten explizit politische Interessen, waren vom Habitus her dem linksalternativen Spektrum zuzuordnen. Joyce’s ästhetischer Amoralismus, sein lebensbejahender Realismus gegen Schiller und Brecht. Mit solchen Linken braucht es in Deutschland was Behindertenpolitik angeht wirklich keine Rechten mehr … Und dieses Beispiel zeigt, wie kontraproduktiv übermäßige politische Intentionen für die Kunstproduktion sein können.

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