Beginn einer Reihe über „Behindertenfilme“ – Was ist das überhaupt?

Gibt es ein Genre „Behindertenfilme“? Angesichts der Fülle der Filme, die das Thema in den letzten Jahren aufgreifen, muss man deutlich sagen: Ja. Ein Genre wie Schwulen-, Ausländer- oder Frauen-Filme.[1] Alle diese Genres haben etwas Fragwürdiges an sich. Sie sollen die letzten verbliebenen Probleme unserer Gesellschaft darstellen, auf sie aufmerksam machen und werden in diesem Sinne von der wohlmeinenden Öffentlichkeit wohlmeinend zur Kenntnis genommen. Zum Nachdenken anregen und zur Weltverbesserung animieren. Im Sinne des klassischen Konzepts von der „Schaubühne als moralischer Besserungsanstalt“ (Schiller) soll heute das Kino diesem Zweck gerecht werden. Die klassischen Denker jedoch, die dieses Konzept formulierten, hatten im Sinn, dass im Theater allgemeine Probleme für ein allgemeines Publikum darstellen soll – ja, dass sich im Theater die Menschheit als allgemeine überhaupt erst konstituiert. Es soll nicht um Probleme von Minoritäten gehen, sondern um wesentliche. Gab es überhaupt einen Begriff der „Minorität“?

Heute gibt es das und es gibt besondere Sparten für Filme, die sich mit den die Minorität betreffenden Fragen betreffen einerseits, große Dramen, die die allgemeinen Fragen der Menschheit betreffen andererseits. Liebesfilme, schwarze Komödien, Science-Fiction-Filme, Actionfilme etc. Eigentlich müsste man, wenn das Ansinnen allein aus quantitativen Gründen nicht verrückt wäre, eine Artikelreihe über „Normalofilme“ machen und diese als Normalofilme kenntlich machen. Einen Begriff vom Minoritären entwickeln, der auch das Allgemeine als Minorität umfasst, indem es mithin weder das Minoritäre noch das Allgemeine im gewöhnlichen Verstande mehr gibt.

Der Wirklichkeit muss Gerechtigkeit geschehen, das ist die Prämisse aller Reflexion, insbesondere im Bereich des Ästhetischen. Das Urteil, das am Ende des Prozesses zu stehen hat, muss aus dem liebenden Blick der sehenden Justitia heraus gefällt werden. Jedes Kunstwerk ist ein Individuum und will wie ein Individuum in seiner Jeweiligkeit betrachtet werden, es sperrt sich noch der allgemeinen Kategorisierung „Kunstwerk“, die auf einem Vor-urteil basiert. Gleichzeitig gibt es doch die Notwendigkeit eines Urteils, selbst wenn es nur ein voreiliges, improvisiertes sein kann. Die Reflexion muss ein Gerichtshof mit unendlich vielen Einspruchsinstanzen sein – ein Gerichtshof, der sich selbst ad absurdum führt. Doch erwartet der Gegenstand das Urteil nicht selbst? Ein Vorsokratiker, Anaximander, schreibt, dass jedes Ding qua Existenz schuldig ist. Die Reflexion müsste es freisprechen, doch sie kann es nicht. Also ist jedes Ding unschuldig, in dubio pro reo.

Dieser Utopie von Erkenntnis, die zugleich eine praktische und politische ist, sperrt sich die Kategorisierung eines Werkes als Minoritäten-Werk. Sie ist die reinste Ungerechtigkeit, sie vollzieht an den Werken das, was die Gesellschaft real an den minoritären Individuen vollzieht. So desperate Filme wie Renn, wenn Du kannst, Gattaca, Ich klage an oder Me too unter eine Kategorie zu pressen ist dasselbe wie einen Menschen, der im Rollstuhl sitzt einem Taubblinden gleichzusetzen, aber von einem „Normalen“ beide durch einen unendlichen Abgrund abzutrennen. Im Grunde vollzieht jeder, der einen Menschen als behindert bezeichnet und diesen Gedankengang nicht wenigstens innerlich mitvollzieht einen brutalen Gewaltakt von nahezu physischer Qualität. „Du bist behindert – ich bin es nicht.“ Das Gegenteil von jeder Liebe, Freundschaft, auch nur Menschlichkeit. An dieser Problematik beweist sich schneidend die Wahrheit von Adornos und Horkheimers Kritik am abstrakten Denken als gewaltförmig.

Wenn es sinnvoll, vielleicht sogar – im Namen der Gerechtigkeit – notwendig ist, eine Artikelreihe über Filme, die sich mit Behinderung befassen, „Behindertenfilme“ also, zu schreiben, dann nur vor dem strategischen Hintergrund, diese Kategorisierung von innen heraus aufzubrechen. Man muss sie dennoch zum Ausgangspunkt nehmen, da sie ja die Realität ist – das im Voraus gefällte Urteil, gegen das es Revision einzulegen gilt. Man wird sich dagegen auch nicht einfach auf einem Standpunkt alla „Es geht doch immer um das allgemein Menschliche“ oder das schlechte Gegenteil „Wir alle sind Minoritäten und jeder lebt in seiner eigenen Welt“ einrichten können. Auch das wäre noch ungerecht, geht an der Jeweiligkeit der Sache vorbei. Man gibt den Dingen derart eine Pseudo-Unschuld der Gleichgültigkeit zurück ohne sich den wahren Problemen, die doch keine des Denkens, sondern der Wirklichkeit sind, zu stellen.

Lassen wir es also mit den Allgemeinplätzen, wenden wir uns endlich den Sachen selbst zu …

 

[1] Einen kritischen Überblick bietet folgender Artikel: http://jungle-world.com/artikel/2010/34/41609.html. Meine Einschätzung wird von der dort vertretenen allerdings in einigen Punkten erheblich abweichen, insbesondere teile ich nicht den dort durchscheinenden Ökonomismus, der materielle „Scheinprobleme“ von den ideellen „wirklichen Problemen“ trennt.

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