Kommentar zu Roland Barthes: „Fragmente einer Sprache der Liebe“

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(Gesprochen von Christian Berkel in einem Audioformat, herausgeben im Hoffmann und Campe Verlag 2008)

Diese Fragmente von Roland Barthes, die Christian Berkel kongenial wieder gibt, sind ein fantastisches Dokument über die Liebe, aber auch gleichzeitig eine wunderbare Bezeugung zur Sprache; eine Bezeugung zur Sprache in der Literatur, der Linguistik als auch der Philosophie. Roland Barthes geht hier so tief in die Thematik der Liebe ein, dass manGedanken wieder finden kann, die man von sich selber kennt, wenn man schon einmal verliebt war. Gedanken also, die eigentlich ganz einfach sind in ihrem Vollzug und Verständnis. Wenn er z.B. vom Zweifel spricht, ob das liebende Subjekt auch zum jeweiligen Treffen in einem Cafe kommt oder es das Treffen vergessen oder gar diesem Treffen gleichgültig gegenüber steht. Viele solcher Beispiele können wir hier in diesen Fragmenten finden; Beispiele also die wir, die wir Zweifelenden ja alle kennen, wenn wir sie so oder auch anders schon einmal erlebt haben. Solche Dinge sind es, die Roland Barthes in eine Sprache packt, dass es wenn man für solche Sprache offen ist, ein wahrlicher Genuss ist. Er kann in einem Fragment ja sowohl auf die Philosophie als Theorie, geschichtliches in der Literatur wie auch Linguistik demzufolge auch der Grammatik zurückgreifen. Seine subjektiven Eindrücke; man könnte sich fragen sind sie wirklich subjektiv, oder eher objektiv, da sie uns alle betreffen, sind so wunderbar mit der Literatur verbunden, mit den Großen der Literatur, mit wunderbaren Zitaten von Goethe, Tao, Paul Verlaine, Sappho, Stendhal und vielen mehr, dass es einfach eine Wonne ist, ihnen zu folgen. Man könnte sagen diese Eindrücke sind selbst ein Stück hoher Literatur. Sie sind hohe Literatur, aber auch viel mehr: Sie sind auch präzise Analyse der Liebe als solcher, wie auch innerhalb der Sprache des Alltags, wie auch des Diskurses.

Ich möchte mir nun hier erlauben, ein paar Fragmente wieder zu geben und sie im besten Fall auch analysieren (die O-Ton Passagen werde ich kursiv wieder geben und meine Kommentare in normaler Schrift; auch kann ich nicht alle beschreiben, da sie zu viele sind.).[1]

  1. Figuren

Dis-cursus –

Barthes spricht hier ganz, im Bezug von der Liebe als einen Diskurs, den der Liebende in sich selbst vollzieht, als einer Bewegung wie im griechischen Sinne der Bewegung: des Hin und Her. Dieses Hin und Her ist aber eines des Gehens oder auch des Wanderns. Dabei verschont der Liebende auch sich selbst nicht da er gegen sich selbst intrigiert durch Umstände, die von außen durch Sprach-„Anwandlungen“ zufällig kommen. Er bleibt immer im Zweifel, ist also ruhelos. Der Liebende ist laut Barthes von Figuren durchzogen, die man nicht rhetorisch, sondern eher gymnastisch oder choreografisch also griechisch verstehen sollte. Man findet in dem Liebenden Parallelen zu Athleten, Rednern und auch Statuen in denen sich der Liebende in einem etwas närrischen Sport abmüht. So ist im Ganzen der Liebende eine Figur der Aktion. Diese Figuren sind vom Diskurs bestimmt: also vom Gehörten; Gelesenen und Erlebten. Sie werden von außen bestimmt. So ist das in meiner Auslegung etwas, was auf der einen Seite rein diskursiv verstanden werden kann: also durch Sprachspiele aber auch einen materillen oder besser einen gesellschaftlichen Aspekt in sich trägt. In dieser Hinsicht meint dann Barthes auch, dass dann einer der Figuren zustande gekommen ist, wenn wenigstens einer sagen kann: „Wie wahr, das ist! Diese Sprachszene kenne ich doch.“ Um das Ganze als Figur zu bestimmen braucht es nur dies: das Liebesgefühl. Man kann im Übrigen feststellen, dass es ganz normal ist, wenn man bei einem Theoretiker wie Roland Barthes einer war, auf Figuren im Diskurs stößt. Denker dieses Typs gehören dem Strukturalismus an, teilweise auch dem Poststrukturalismus einer Denkschule, die im französischen Raum des 20 Jahrhunderts zu Hause war (Diese Denkschule war rein heterogen und beinhaltete Soziologen, Ethnologen, Psychoanalytiker sowie Philosophen und auch Linguisten.) So kann man auch bei Gilles Deleuze, in seinem zusammen mit Felix Guattari verfassten Buch: „Was ist Philosophie“, nach lesen wie sich Begriffe und „Begriffspersonen“ in einem philosophischen Diskurs verhalten.[2] Bei Barthes also Figuren, bei Deleuze / Guattari Begriffspersonen: Beides, sowohl Figuren als Personen, sind aber nicht nur abstrakte Bezugnahmen in einem jeweiligen Diskurs, sondern Komponenten, die in einer Wechselbeziehung aus dem Diskurs in das Leben und aus dem Leben in den Diskurs hin und her springen, wandern wie auch immer. Laut Deleuze durchziehen die Begriffe die Subjekte gegenüber dem Objekt.[3] Soll heißen die Begriffe und mit ihnen die Figuren und Begriffspersonen sind etwas, was in den Subjekten immanent waltet, und immer eben den jeweiligen Diskurs bestimmen. Bei Deleuze stärker auf abstrakte Themen wie Philosophie und die Kunst bezogen, bei Barthes in unsrem Fall die Fragmente der Liebe.

  1. Domnei

Abhängigkeit. Figur, in der die öffentliche Meinung die charakteristische Verfassung des dem Liebesobjekt unterworfenen liebenden Subjekts sieht.

Hier ist sie also wieder die Figur; in diesem Fall trägt sie den Namen Abhängigkeit.

Diese, die Abhängigkeit, wird getragen von einer Art Mechanik der Lehnspflicht, eines jeden Liebenden zum Liebesobjekt. Als solche ist sie aber belanglos. Nun treten minimale Komplexitäten auf den Plan: Sonst wäre z.B. das Warten auf ein Telefonanruf eine zu grobe Abhängigkeit. Nein es muss schon komplizierter sein: man regt sich über Alltägliches auf, was einen hindern kann, um den Telefonanruf entgegen zu nehmen; in seinem Fall das Geschwätz der Klatschbasen in einer Apotheke. So schafft er sich einen Raum der Abhängigkeit in dem er, hier als Beispiel, sich dem Telefon dienstbar macht, er möchte diesen Raum sogar bewahren um der Abhängigkeit ein Betätigungsfeld zu verschaffen. Diese Abhängigkeit soll für den Liebenden vollkommen oder absolut sein. Auch wenn die Abhängigkeit belanglos erscheint, will er sie auf sich nehmen, denn diese bezeichnet sein Verlangen. Die Belanglosigkeit ist auf dem Feld der Liebe keine Schwäche oder Lächerlichkeit, sondern eben ein starkes Zeichen. Er geht sogar so weit zu sagen, um belangloser, um so mehr bedeutet sie, bestätigt sie sich als Kraft. Es ist dies, das Opfer an das Kleine im Alltag, was der Liebende vollziehen muss. So macht er sich vor der Gesellschaft zum „Idioten“ (um es mit Deleuze zu sagen), das weiß er, aber dennoch. Der Liebende stellt das Liebesobjekt in einen Olymp, dem er sich fügen muss, davon dort alle Weisungen hernieder kommen zu ihm. Aber auch das Liebesobjekt, der Andere, muss sich einer Instanz beugen; welche das ist, schreibt Barthes nicht, aber man kann es sich denken: die Gesellschaft. So ist der Liebende zweifach gefesselt; einmal an dem Anderen mit seinem Verlangen und dann an die Gesellschaft mit ihren Konventionen. Hier will er aber aufbegehren, denn er sieht nicht ein, warum gerade er das sein soll.

An dieser Stelle aufzuhören ist sinnvoll, da es sich nicht lohnt weiter die Fragmente zu beschreiben. Diese sind ja selbst Beschreibung des Gegenstandes LIEBE und Beschreibungen zu beschreiben muss ja nicht sein. Aber sie anzuhören auf besagtem Audioformat oder sie zu lesen ist weiterhin eine Empfehlung.

[1] Ich werde mich vor allem auf die Audio-Datei beziehen; (Hoffmann und Campe 2007) und dies kursiv. Aber auch als Ergänzung: auf Suhrkamp Taschenbuch 1586 erste Auflage 1988.

[2] Siehe dazu Gilles Deleuze & Felix Guattari: „Was ist Philosophie?“.Suhrkamp Frankfurt am Main 1996 So nachzulesen I. Philosophie / 3. Die Begriffspersonen ab S.70

[3] Siehe dazu G. Deleuze: Schizophrenie & Gesellschaft / Texte und Gespräche 1975 – 1995 Suhrkamp Frankfurt am Main 2005 in: Die Immanenz ein Leben.

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