Is Revolutionary Ireland Dead and Gone?

Is Revolutionary Ireland Dead and Gone?

Bericht aus einem Land in der Krise1

Eines Menschen Vergangenheit ist das, was er ist. Sie ist der einzige Maßstab, an dem er gemessen werden kann.2

Was für einen Menschen gilt, gilt erst recht für eine Nation: Um die aktuelle Situation in Irland zu verstehen und bewertend einzuordnen, ist es unvermeidlich, wenigstens in groben Zügen die irische Geschichte zu kennen.

Eigentlich hat sich seit den Zeiten von James Joyce und William Butler Yeats nicht so viel geändert in Dublin. Man ist in der übersichtlichen Hauptstadt viel zu Fuß unterwegs, schlendert mal gemütlich, mal gehetzt von einem Geschäft zum anderen, denkt über seinen derzeitigen Lieblingsmailwechsel nach und landet am Abend in irgendeinem Pub, wo man betrunkene Originale kennenlernt. Allerdings waren die Jahre vor dem 1. Weltkrieg in Irland auch ein Höhepunkt des politischen Aktivismus. Nicht nur in den Werken von Joyce und Yeats ist die nationale, und damit in Irland stets untrennbar verbunden: die soziale, Frage omnipräsent. Die irische Geschichte stellt sich, wenigstens ex post betrachtet, als eine der Not, der kolonialen Unterdrückung durch England, aber auch des zähen und unerbittlichen Widerstands dagegen dar, der letztendlich in die Revolution und die Unabhängigkeit mündete.

Allerdings dichtete der ‚Barde‘ dieser Zeit, Yeats, in dem berühmten Gedicht September 1913: „Romantic Irelands dead and gone, / Its with O’Leary in the grave.” John O’Leary war ein nationalistischer, dezidiert antiklerikaler, Aktivist und wichtiger Protagonist der Celtic Revival- Bewegung, mit dem Yeats eng befreundet war. Yeats beklagt in diesem Gedicht den fehlenden Aufopferungswillen und Idealismus seiner Landsleute, wie er ihn selbst prominent etwa in dem Einakter Cathleen ni Houlihan propagiert, in dem Irland durch eine alte Frau personifiziert wird, die die jungen Männer dazu animiert, bürgerliches Leben, Familie und Ehefrau hinter sich zu lassen und sich für die Freiheit Irlands zu opfern – und sich am Ende als junge Schönheit entpuppt. Ihm schwebte eine nicht nur politische, sondern vor allem kulturelle Revolution vor: Ähnlich wie die deutschen Romantiker Anfang des 19. Jahrhunderts versuchte er federführend eine distinkte irische Nationalliteratur zu begründen, die an ein vorchristliches keltisches Erbe anknüpfen sollte. Eine verklärte Kultur jenseits der Entfremdung und Vereinzelung der Gegenwart, in der es noch Platz für Liebe, Begeisterung und das Wunder gibt. So veröffentlichte er etwa, unabhängig von seinen Gedichten, die oft Motive aus der keltischen Mythologie beinhalten, ähnlich Jakob und Wilhelm Grimm eine Anthologie irischer Volksmärchen und gründete und leitete das Abbey Theatre, in dem er nationalistischen Autoren eine Bühne bot. Yeats muss spätestens mit dem Erstarken der wirklichen irischen Nationalbewegung gemerkt haben, dass es einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen diesem Projekt und dem der realpolitischen Nationalisten gab.Drei Jahre später, nach dem Osteraufstand von 1916, der im Rückblick als Auslöser der kurz nach dem 1. Weltkrieg ausbrechenden eigentlichen Revolution gilt, dichtete er freilich enthusiastischer in dem Gedicht Easter, 1916: „All changend, changed utterly: / A terrible beauty is born.” Das Gedicht beschreibt den Osteraufstand als ambivalentes Ereignis. Der Aufstand war tatsächlich ein Opfer für Irland – womöglich eines aus Liebe: „And what if excess of love / Bewildered them till they died?“ Ohne größere Unterstützung in der Bevölkerung besetzten die radikalen (d.h. republikanischen und später panirischen) Nationalisten im Verbund mit einigen Sozialisten das Dubliner Hauptpostamt und deklarierten die irische Republik. Der Aufstand wurde binnen Tagen niedergeschlagen, fast alle seiner Protagonisten hingerichtet. Doch er war zugleich ein Fanal: Die irische Unabhängigkeitsbewegung hatte nun Märtyrer und das brutale Vorgehen der Briten auch gegen die Zivilbevölkerung führte zu einem abrupten Umschwung der öffentlichen Meinung. Die Partei der radikalen Nationalisten, Sinn Fein, vorher nur eine relativ kleine Splittergruppe, gewann die nächsten Parlamentswahlen erdrutschartig und führte Irland schließlich erfolgreich in die Unabhängigkeit. Yeats konnte sich folglich bestätigt fühlen: Irland konnte seine Unabhängigkeit nur durch ein idealistisches Opfer erlangen, es brauchte zusätzlich zur realistisch-pragmatischen Motivation ein hinzutretendes emotionales Moment, das den individuellen Egoismus transzendiert. Gleichzeitig weiß Yeats, das genau dieses irrationale Moment gefährlich ist. Sein Gedicht nimmt sich vor dem Hintergrund der darauf folgenden Geschehnisse geradezu prophetisch aus. Die Unabhängigkeit konnte nur um den Preis eines Abkommens mit dem Vereinigten Königreich erreicht werden, in dem der Nordosten der Insel um das industrielle Zentrum Belfast vom Rest Irlands abgespalten wurde. Außerdem verblieb Irland zunächst unter der Hoheit des britischen Königs. Ein guter Teil der radikalen Nationalisten wollte diesen aus ihrer Sicht faulen Kompromiss nicht akzeptieren. Es kam zu einem blutigen Bürgerkrieg zwischen ‚Pro-Treaty‘- und ‚Anti-Treaty‘-Fraktion, der mehr Menschenleben als der Unabhängigkeitskrieg forderte. Nach seiner Befriedung wurden im irischen Staat einige diskriminierende Gesetze gegen den protestantischen Teil der Bevölkerung erlassen. Der ursprünglich sozialistische Impuls der Nationalbewegung, personifiziert etwa vom am Osteraufstand maßgeblich beteiligten Arbeiterführer und marxistischem Theoretiker James Collonny oder Feministinnen wie Constance Markievicz und Maud Gonne (letztere Yeats’ langjährige Muse, die bei der Premiere des erwähnten Stücks ‚Irland‘ spielte), wurde weitgehend in den Hintergrund gedrängt. Yeats brachte dies in einem seiner letzten Gedichte, Parnell, sehr treffend auf den Punkt: „Parnell came down the road, he said to a cheering man: / ‚Ireland shall get her freedom and you still break stone.‘” Charles Stewart Parnell war einer der wichtigsten Protagonisten der Nationalbewegung im 19. Jahrhundert. Bereits in seiner Biographie kommt die Tragik dieser Bewegung zum Ausdruck: Der gefeierte Fraktionsführer der Iren im britischen Parlament verlor nach dem Bekanntwerden seiner langjährigen Affäre mit einer geschiedenen Frau die Unterstützung des katholischen Klerus und damit eines Großteils seiner Wählerschaft. Politisch ruiniert starb er kurze Zeit später. Wen wundert es da, dass es in einem mit Politics überschriebenen anderen Spätgedicht Yeats’ heißt: „[M]aybe what they say is true / Of war and war’s alarms, / But O that I were young again / And held her in my arms!” Yeats, später sogar Senator im unabhängigen Irland, bekennt sich so am Ende seines Lebens zum Apolitizismus, was angesichts der beschriebenen Ereignisse – dem bevorstehenden Ausbruch des 2. Weltkriegs – freilich extrem zynisch wirkt. Doch vielleicht manifestiert sich in Yeats’ Gedicht auch eine kollektive Erfahrung des irischen Volkes: Politischer Idealismus bringt letzten Endes nichts als Scherereien. Einerseits mit Hinblick auf das irdische, andererseits mit Hinblick auf das jenseitige individuelle Wohlergehen.
In dem Gedicht, dass Yeats seinen eigenen Tod vorausahnend schrieb, gewissermaßen sein lyrisches Testament an seine Nation, Under Ben Bulben, formuliert er freilich eine andere Utopie: Die irischen Dichter sollen sich auf die irische Geschichte und Kultur besinnen, auf „seven heroic centuries“: „Cast your mind on other days / That we in coming days may be / Still the indomitable Irishry.“ Die Lyrik soll so im Sinne von Nietzsches „monumentalischer“ Geschichtsschreibung die Erinnerung an den irischen Freiheitswillen wach halten und für kommende Zeiten aufbewahren. Das heißt freilich auch, dass der Kampf noch nicht abgeschlossen ist – und in diesem Kampf kommt den ‚Barden‘ eine konstitutive Funktion als Bewahrer der heroischen Tradition zu, die ohne sie zu verschütten droht unter dem Druck des modernen Lebens, dem Yeats so skeptisch gegenübersteht.


Keiner sollte ausschließlich nach seiner Vergangenheit beurteilt werden.


Irland ist eines der Länder der Europäischen Union, die am härtesten von der Weltwirtschaftskrise betroffen sind. Der Boom der ‚Celtic Tiger‘-Jahre seit den 90ern hatte zu einer Aufblähung des Immobilienmarktes geführt, wovon die Myriaden von uniformen Einfamilienhäusern in den Vorstädten zeugen. Jeder, der wollte, konnte einen Kredit für ein Eigenheim erhalten. Mit dem Platzen der Blase kamen so die irischen Banken wie ihre Gläubiger, deren Häuser nun drastisch an Wert verloren hatten, in Bedrängnis. Dies führte zu einer weiteren Verschärfung der Krise, die nun auch auf die Staatsfinanzen übergriff. Das aus Deutschland importierte Konzept von staatlicher Seite: Sparen, Sparen, Sparen.
Auch jetzt merkt das noch, wer durch Dublins Straßen geht: Die öffentlichen Straßen sind in teilweise katastrophalem Zustand, es gibt zahlreiche Obdachlose und leerstehende Häuser. Die Iren greifen derweil zu altbewährten Methoden zurück: Die Zahlen der Emigranten sind auf einem Rekordniveau – wer jung und gut ausgebildet ist, geht nach Australien, in die USA oder nach England –, es gibt besorgniserregende Studien über den Alkoholismus und den Vandalismus unter jungen Menschen. Von einem politischen Protest wie er sich etwa, in je unterschiedlicher Form, in Spanien, Italien oder Griechenland formiert, fehlt in Irland fast jede Spur. Auch in Irland haben die Studierenden etwa unter einer erheblichen Verschlechterung der Studienbedingungen und einer Erhöhung der Studiengebühren zu leiden. Ein Protest dagegen geht nur von Splittergruppen aus. Die meisten Studierenden scheren sich nach dem Motto „Sauf dich voll und fress dich dick, / doch halt das Maul von Politik“ nicht um politische Themen, sondern planen lieber ihre Emigration und frönen am Wochenende trotz der im Vergleich zu Deutschland exorbitanten Preise dem Bier- und Schnapsgenuss. Ich habe während meines 10-monatigen Aufenthalts in Dublin mit verschiedensten Menschen über diese Dinge gesprochen, der O-Ton war immer derselbe: Während eher bürgerlich eingestellte Menschen die gewachsene Kriminalität beklagen und ein härteres Vorgehen des Staates dagegen einfordern, beklagen linke die politische Resignation und die passiv-sozialpartnerschaftliche Rolle der Gewerkschaften und linken Parteien. Überall sind soziale Entsolidarisierung und Depolitisierung bis hin zu aggressiv antipolitischen Haltungen bis hinein ins intellektuelle Milieu zu spüren. Nur die Kirche hat im Zuge der massiven Kindermissbrauchsskandale der letzten Jahre etwas an Rückhalt verloren. An die Stelle des traditionell tief verwurzelten Katholizismus ist ein Hedonismus, gemischt mit etwas nationaler Folklore, getreten. Irland nimmt sich so fast ein wenig wie ‚Kleinamerika‘ aus.


Niemand ist so reich, sich seine Vergangenheit zurückzukaufen.


Zu der geschilderten tragischen Historie der irischen Nationalbewegung, die seit jeher eine starke sozialistische Fraktion hatte (auch die heutigen radikalnationalistischen Parteien in der Republik und in Nordirland verstehen sich als dezidiert sozialistisch), kommen die jüngsten traumatisierenden Erfahrungen um Nordirland hinzu. Ist das eine zufriedenstellende Erklärung für das Ausbleiben jeglichen substantiellen Widerstands gegen die Austeritätspolitik? Jedenfalls scheinen diese Erfahrungen den fruchtbaren Boden für die kulturelle Hegemonie einer individualistischen Ideologie zu liefern, die auch in anderen Staaten durchaus dem Zeitgeist entspricht.
Allerdings muss man hier differenzieren: Das irische nationalistische Projekt war von Anbeginn an ein idealistisches hinter dem kaum ein greifbares ökonomisches oder politisches Interesse stand. Die irische Nationalbewegung war konstitutiv ein Amalgam aus verschiedensten Fraktionen – Katholiken, die sich eine Milderung der Diskriminierungen erhofften, Bürgern, die sich von einem unabhängigen Staat eine bessere Wahrung ihrer ökonomischen Interessen erhofften, Sozialisten, die in genau einem solchen Staat ein Mittel zur Durchsetzung von sozialen Rechten sahen, Idealisten wie Yeats. Letztendlich setzte sich die katholisch-bürgerliche Fraktion durch. Ihre Interessen konnten im neuen Irland weitgehend durchgesetzt werden, für darüber hinausgehende Bestrebungen war schon bald kein Platz mehr. Insofern ist die irische Nationalbewegung nur gescheitert vom Standpunkt ihres sozialistisch-idealistischen Flügels – auch wenn es dieser war, der sie maßgeblich voranbrachte. Der katholisch-bürgerliche Flügel hat unterdessen erreicht, was er wollte: ein wirtschaftlich relativ starkes Irland mit einem starken Einfluss der katholischen Kirche. Das Interessante ist vielleicht eher, dass angesichts der Wirtschaftskrise und der Legitimitätskrise der Kirche dieser Traum ins Wanken gerät. Noch glaubt man in Irland, wie anderswo, dass man sich individuell schon irgendwie aus der Krise retten kann, dass die Wirtschaft schon irgendwann wieder brummen wird und dass sich die Kirche schon irgendwie reformieren kann. Die Iren haben erfahren, dass sie binnen von Jahrzehnten von einem der ärmsten zu einem der reichsten Länder Europas aufgestiegen sind. Es ist nur allzu nachvollziehbar, dass sie von daher unter keinen Umständen den bisherigen Sozialkompromiss in Frage stellen wollen, so sehr es auch Bröcklungserscheinungen gibt. Vermutlich könnte erst eine weitere Verschärfung der Krise daran etwas ändern. Freilich fehlt es dafür – wenigstens gegenwärtig – an einer politischen Vision, die über den ebenso delegitimierten Nationalismus alter Schule hinausgeht. Das scheint mir die eigentliche Sackgasse der irischen Linken zu sein: die Befangenheit im Nationalismus, die teilweise wie ein Relikt aus früheren Jahrzehnten wirkt. Während in Deutschland autonome Zentren meist irgendwie kosmopolitan oder ‚hipp‘ wirkende Namen tragen, heißt das einzige derartige Zentrum in Dublin „Seomra Spraoi”, gälisch für ‚Spielraum‘. An eine Parole wie „Irland muss sterben, damit wir leben können!”, ist dort nicht zu denken, selbst wenn im Diskurs der irischen Linken eine durchaus kritische Auseinandersetzung mit dem irischen Nationalismus in Ansätzen stattfindet. Die Arbeit von Seomra Spraoi erschöpft sich im Organisieren von Partys, Konzerten, einer Vokü und einem Fahrradworkshop, von politischer oder theoretischer Arbeit im eigentlichen Sinne gibt es kaum eine Spur.


Liebe ist mehr als Geld.


Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass das Beispiel Irland die zwei Hauptprobleme radikalen politischen Widerstands heute generell aufzeigt: die Befangenheit in die unaufgearbeiteten kollektiven Traumata des 20. Jahrhunderts einerseits, die kulturelle Hegemonie des postmodernen Individualismus andererseits. Was dort besonders krass ausgeprägt ist, findet sich in anderen Staaten ebenso. Von der Geschichte der irischen Nationalbewegung kann man freilich auch lernen, wie eine erfolgreiche politische Bewegung sich konstituieren kann: durch eine Mischung von politökonomischen Interessen einerseits, einem hinzutretendem kulturellen Impuls, der es den Individuen plausibel erscheinen lässt, für eine Sache zu kämpfen, die ihre unmittelbaren Interessen transzendiert, andererseits. Schriftsteller wie Yeats haben dafür einen wichtigen Beitrag geleistet. Diese beiden Momente stehen in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander, doch erst in diesem Spannungsfeld scheint sich so etwas wie wirklich revolutionäre Praxis konstituieren zu können. Das letztere Moment ist nicht zuletzt in Deutschland sicherlich nicht ganz zu Unrecht in Verruf geraten. Yeats selbst hat sich in seinen späteren Jahren, inspiriert u.a. von seinem Schüler Ezra Pound, einem künstlerisch sehr avancierten Dichter amerikanischer Herkunft, der bis zum Ende des 2. Weltkriegs Propagandaarbeit für Mussolini und Hitler betrieb, dem italienischen und irischen Faschismus gegenüber positiv interessiert gezeigt, selbst wenn er zu ihm wie zu allen realpolitischen Bewegungen stets eine gewisse kritische Distanz bewahrte. Dennoch geht von diesem ‚irrationalen‘ Moment vielleicht gerade erst der entscheidende Impuls aus, der aus einem rational erkannten Missstand das Motiv für ein wirklich politisches Engagement macht. Es kommt freilich darauf an, wie es inhaltlich gefüllt wird. Dies können heute nicht mehr die nationalistischen Mythen des 19 und 20. Jahrhunderts sein, vielleicht auch nicht die Ideen des Sozialismus in ihrer tradierten Form. Es scheint an einem kulturell-ästhetischen Impuls zu mangeln, der genug Nähe zur heutigen Lebensrealität besitzt, um gleichzeitig dem postmodernen Individualismus etwas entgegenzusetzen wie eine Alternative zu den alten Idealen und Mythen der nationalen und sozialen Revolutionen zu bieten. Dieses Vakuum ist vielleicht das eigentliche Problem unserer Zeit – in Irland wie in Deutschland und anderswo. Dass dies kein abstraktes Problem ist, zeigt sich an den verschiedenen Versuchen auf der ganzen Welt nach dem faktischen Ende der alternativen Subkulturen früherer Dekaden eine neue Ästhetik des Widerstands zu definieren. Die Protestbewegung in der Türkei ist dafür ein beeindruckendes Beispiel. Dies zu diskutieren würde allerdings einen eigenen Artikel erfordern, in Irland finden sich solche Entwicklungen jedenfalls so gut wie nicht.


Ich pflegte Ehrgeiz für das Größte zu halten. Das stimmt nicht. Liebe ist das Größte auf der Welt. Es gibt nichts als Liebe.


Wie das Zusammenspiel von emotionaler und rationaler Motivation konkret zu fassen ist, demonstriert vielleicht konkret der Hauptcharakter von James Joyces bedeutendstem Roman Ulysses, Leopold Bloom. Er ist Mitglied der Irish Republican Brotherhood, einer Vorläuferorganisation von Sinn Fein, und als solcher glühender Verfechter einer irischen Republik. Seine Ideale transzendieren den bürgerlichen Nationalismus jedoch bei weitem. Er, jüdischer Herkunft und als solcher Opfer eines manifesten irischen Antisemitismus und Antijudaismus, träumt von einer Gesellschaft in der, vereint unter dem Banner der Liebe, keine Bevölkerungsgruppe mehr diskriminiert wird und soziale Gerechtigkeit herrscht. Dieses Ideal ermöglicht ihm auch, eine als durchaus post-patriarchal zu bezeichnende Beziehung zu seiner Frau Molly zu unterhalten, in der er etwa ihre Affären mit anderen Männern akzeptiert. Er träumt von universeller sexueller Emanzipation, die gerade eine Emanzipation der weiblichen Sexualität von ihrer patriarchalen Beschränkung wäre. Zugleich ist er mitnichten ein irrationalistischer Träumer, sondern hat ein sehr nüchternes, aufgeklärtes Weltbild in jeder Hinsicht.
Leopold Bloom fungiert so als positives Gegenbild zu den pragmatistischen Kleinbürgern wie zu den verblendeten, latent bis offen antisemitischen und ohnehin sexistisch-patriarchalen, irischen Nationalisten gleichermaßen. Von ersteren unterscheidet er sich durch seinen Idealismus, von letzteren zum einen durch den Inhalt seiner Ideale (universalistisch statt partikularistisch, sensibel für Unterdrückungsverhältnisse jeglicher Art statt nur für bestimmte), zum anderen durch seinen Realitätssinn. Von beiden unterscheidet er sich in seiner Absage an den von ihnen praktizierten schlechten Hedonismus, insbesondere an den Alkoholkonsum, den er (sicherlich nicht ganz zu Unrecht – bis heute) für das größte Übel Irlands hält. Gleichzeitig gelingt es ihm, gerade in der konkreten Vermittlung von Idealismus und Realitätssinn unter dem Primat des ersterem, seine Ideale bis zu einem gewissen Grad auch zu leben.
So sehr freilich Blooms Liebesideal seinen polemischen Sinn in der Konfrontation mit seinen antisemitischen christlichen Mitbürgern haben mag, so leer und fast kitschig wirkt es heute fast. Es ist aufgeladen mit einer ganzen Chronik von Ideologiebildung, in der heutigen Zeit kulturindustriell ausgebeutet bis zum Erbrechen. Naiv daran anzuknüpfen, sei es ästhetisch oder theoretisch, praktisch oder gar politisch kann daher mit Sicherheit keine Lösung sein. Andererseits steckt im Liebesideal ein romantisches Begehren nach dem Überwinden der intersubjektiven Entfremdung, das durchaus nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden sollte, sondern dem durchaus ein revolutionäres Moment innewohnt. Auch diese Frage muss in diesem Artikel offen gelassen werden – bzw. verweist sie exakt auf das erwähnte Vakuum. Wir haben keine Sprache und keine Bilder mehr für unsere Träume – selbst die Liebe hat man uns genommen. Sie wäre neu zu erfinden.


Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.


Es ist eine Ironie der Geschichte und vielsagend, dass Ulysses bis in die 60er Jahre in Irland selbst nur unter der Hand verkauft wurde, vor allem aufgrund seiner ‚Pornographie‘. Der heutige Joyce-Kult hat dagegen einen eher folkloristisch-kulturindustriellen Charakter ohne die eigentlich radikale Dimension des Buches im Auge zu haben. Das Abbey Theatre ist zu einem Abendunterhaltungsschuppen nach amerikanischem Vorbild verkommen. In den Werken von Joyce und Yeats hat sich der revolutionäre Elan jener Zeit konserviert. Freilich in keiner frühbürgerlich-naiven Form, sondern einer bereits spätbürgerlich-reflektierten. Das macht sie für unsere Zeit der Ratlosigkeit so interessant. Solange sie authentisch rezipiert werden, ist die im Titel gestellte Frage sicherlich zu verneinen, egal wie die politische Lage in Irland im Augenblick sein mag.

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1Dieser Artikel erscheint auch in der kommenden Ausgabe der AStA-Zeitung der Uni Frankfurt.

2Alle Zitate in den Zwischenüberschriften stammen von Oscar Wilde, geboren in Dublin.

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