URBAN INCUBATOR – „We also love the Art of others“ Über den urbanen Brutkasten des Goethe-Instituts

Als wir dort ankommen, herrscht reger Verkehr in den engen Straßen von Savamala, einem alten Stadtviertel am Rande des belgrader Stadtzentrums. Die geschwärzten Sandsteinhäuser im Baustil des späten 19. Jahrhunderts lassen auf eine bewegte Geschichte schließen. Auch das 1905 von den Habsburgern erbaute Bankengebäude im Zentrum des Viertels deutet auf die historische Relevanz des Viertels hin.

Dass die Geschichte des heutigen Wohnviertels noch nicht abgeschlossen ist, beweisen große blaue Plakate, die wir an einer bröckelnden Häuserfassade entdecken: Vom 20. März bis zum 30. November 2013 soll das Stadtteilprojekt „URBAN INCUBATOR“ des Goethe-Instituts frischen Wind zwischen die Autoabgase blasen. In diesem Zeitraum sorgen internationale Künstler aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz für ein Kulturprogramm, bei dem alte Gebäude zwischengenutzt und neue Infrastrukturen aufgebaut werden sollen. Im sogenannten urbanen Brutkasten soll eine „lebenswerte und menschengerechte Stadt“ ausgebrütet werden.

„Das Projekt URBAN INCUBATOR: BELGRADE bringt Städter mit jungen ‚Stadt-Talenten‘ zusammen – mit Menschen, die aus anderen städtebaulichen Kontexten wissen, wie Savamala in einen lebendigen Teil der Stadt verwandelt werden kann“, heißt es im Einleitungstext des Programmhefts des Goethe-Instituts. Die sogenannten „Stadt-Talente“ seien Internationale Künstler, Architekten, Forscher und Studenten, die durch den Aufbau partizipativer Strukturen in Kontakt zu den Bewohnern des Viertels treten und über dessen Ausbau beratschlagen sollen. Das Goethe-Institut möchte damit die „partizipative und ergebnisoffene Entwicklung des Quartiers“ fördern.

Mit Begeisterung wird die auserkorene Spielwiese von den jungen „Kreativen“ vielfältig genutzt: Im „Savamala-Designstudio“ geben Studenten der Hochschule für Bildende Künste Hamburg (HfbK Hamburg) praktische Tipps zur Wohnungsverschönerung, während der Londoner Klangkünstler Robin the Fog Klangfragmente und Geschichten des Stadtviertels im eigens gegründeten „Radio Savamala“ verbreitet. Auch alte belgrader Stadt-Talente, wie der im ehemaligen Jugoslawien tätige Aktionskünstler und Musiker Miroslav Misa Savic, dürfen an der Bespielung der Gemäuer teilnehmen. Im „Möbelgenerator“ erstellen Künstler des Raumlabors Berlin Gegenstände aus Betongussresten und Recycling-Materialien. Weniger alternativ präsentiert sich das Raumlabor allerdings mit dem Projekt „Micro Factories“, bei dem „die Ideen und Fähigkeiten aus Savamala zu innovativen Produkten“ gestaltet werden sollen.

Nach eigener Aussage des Goethe-Instituts stehen bei der Stadtviertelentwicklung „keine kommerziellen oder immobilienwirtschaftlichen Interessen“ im Vordergrund. Hingegen sind es die „kulturellen und sozialen Werte der Quartiers“, die den engagierten Kulturfanatikern am Herzen liegen. Die wirtschaftliche Verwertung der „Ideen und Fähigkeiten“ des Stadtviertels ist jedoch bereits ein Anhaltspunkt dafür, dass durch die kulturelle Okkupation des Stadtviertels keineswegs rein künstlerische oder soziale Interessen verfolgt werden. Jährlich mit ca. 340 Mio. Euro staatlich gefördert ist das Goethe-Institut derzeit die wichtigste Kulturinstitution der Bundesrepublik Deutschland. Die staatliche Investition der Gelder scheint durchaus rentabel. Denn an welche Firmen die ersten Bauaufträge vergeben werden, sollten die Immobilienbesitzer Savamalas eine Investition in das kulturell lebendig gewordene Viertel wagen, lässt sich bereits erahnen. Ob die Bewohner ebenso partizipativ in die Diskussionen um die Mietpreiserhöhung einbezogen werden, wie sie es in die künstlerischen Projekte sind, bleibt fraglich. Da scheint es nur wenig zu trösten, wenn sich eifrige Soziologen der Züricher Hochschule der Künste (ZhdK) im „Bureau Savamala“ sozialkritisch mit der Stadtteilentwicklung beschäftigen und sich durch einen Beobachterstatus für eine nachhaltige Stadtteilentwicklung einsetzen wollen. Auch durch einen kritischen Kommentar auf der Webseite des Instituts lässt sich die Problematik der Gentrifizierung in Folge einer kulturellen Aufwertung des Stadtviertels wohl kaum unterbinden.

Neben wirtschaftlichen Interessen, so kann man annehmen, verfolgt die Bundesrepublik Deutschland durch das Sponsoring der kulturellen Projekte in Savamala auch die Sicherung der politischen Einflussnahme auf die Region. Diese Taktik der Machtsicherung durch kulturelle Interventionen hat bereits Tradition. 1951 in München gegründet, stellt das Goethe-Institut die Nachfolgeorganisation der „Deutschen Akademie“ dar, der während des Nationalsozialismus eine bedeutende Rolle bei der Festigung der Machtposition Deutschlands im Ausland zukam. Die 1925 gegründete „Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums“1 unterstand nach einem Erlass Adolf Hitlers von 1941 direkt dem Propagandaminister Joseph Goebbels als wichtiges Propagandainstrument. Die Aufgabe der Akademie war es, den „geistigen Zusammenhang der Deutschen in der Welt“2 zu fördern und der „Erforschung und Pflege der Deutschen Sprache im Inlande und ihre Förderung und Verbreitung im Auslande“3 zu sichern. Wenn auch nicht ganz so drastisch formuliert, beinhaltet das demokratisierte Programm des Instituts heute noch, dass durch die Förderung der internationalen, kulturellen Zusammenarbeit mit dem Ausland „ein umfassendes Deutschlandbild vermittelt“4 werden soll. Historisch tritt das Goethe-Institut damit in seiner Funktion in die Fußstapfen deutscher Expansionspolitik.

In Savamala wird den so genannten „Stadt-Talenten“ Raum für die freie Entfaltung ihrer künstlerischen und sozialkritischen Positionen gegeben, die im engen Austausch mit den dort lebenden Menschen stehen sollen. Bewusst oder unbewusst nehmen sie dabei Teil an einem Experiment, dass sich in seinen längerfristigen Folgen gegen die Interessen der Bevölkerung richten wird. Bereits als „Brutkasten“ bezeichnet, kann Savamala als Experimentierfeld für Taktiken der Gentrifizierung bezeichnet werden, die sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Sinne der Sicherung der Einflussnahme Deutschlands auf die Region dienen sollen. Unter dem Motto: „We also love the Art of others“ zeigt URBAN INCUBATOR, dass „wir“ zwar auch die Kunst der „Anderen“ gut finden, das Gentrifizierungsmodell jedoch lieber aus Deutschland exportieren.

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4 Selbstverständnis des Goethe-Instituts: http://www.goethe.de/uun/deindex.htm (Stand: 16.05.2013)

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