Skeptische Blicke beim Lichter ArtAward 2013

Fünf Kandidaten sind für den diesjährigen ArtAward im Rahmen des Lichter Filmfestivals Frankfurt nominiert. Dem Gewinner stehen 1000Preisgeld in Aussicht. Am Vorabend der Preisverleihung berichten die Künstlerin Jennifer Gelardo und der Cinematographer Iván Robles Mendoza von der Hochschule für Gestaltung in Offenbach über ihre Teilnahme am Wettbewerb. In ihrem Filmtanslate:scepticismzeichnet Iván Robles durch eine Miniaturkamera auf, wie Jennifer Gelardo Kunstinstallationen entwirft.

Um was geht es intranslate:skepticism?

J.G.: Bei unserem Film geht es um das Entdecken der Objekte. Das ist ja das, was wir ständig machen: Wir suchen Dinge, wir suchen nach Sinn. In der Kunst kann man auch neue Sinne schaffen. Bei den Installationen habe ich die Objekte ihrer Form nach, und nicht ihrem Sinn oder ihrer eigentlichen Funktion nach zusammengesetzt. Dadurch kann man mehrere Ebenen mit demselben Gegenstand erzeugen. Ich habe mir auch überlegt, welche Rolle die Dokumentation einnehmen soll. Der Film gibt einen Rahmen und einen Kontext vor. Im Film wird mit einer zentralperspektivischen Komposition gearbeitet. Die Peripherie am Rand ist ehr unsichtbar, und alles staut sich zur Mitte hin auf. Das ist eine Ästhetik, die auch Iwan oft in seinen Filmen benutzt.

I.R.M.: Der Film ist ein Loop. Von dem Video könnte man einfach Standbilder herausnehmen und einzeln bewerten, als Installationen, als Skulpturen. Der ganze Film ist aber eine Art Zeit-Skulptur, die sich die ganze Zeit verändert. Durch die Zeit verändern sich die Menschen, der Künstler und auch der Betrachter. Im Film haben wir aufgezeichnet, wie Jennifer sich verändert, wie sie sich als Künstlerin entwickelt, live vor der Kamera. Das alles zu sehen, finde ich wirklich toll. Der Zuschauer kann das beobachten.

J.G.: Da ist es aber auch wichtig zu sagen, dass es nicht im direkten Maße darum geht, dass ich als Künstlerin diese Performances mache. Deshalb habe ich auch Leute eingeladen, die mir dabei helfen. Eigentlich kann jeder das machen. Das ist nichts aufgewertetes. Die Kamera gibt das ja auch wieder, indem sie manchmal wie gleichgültig einfach an den Dingen vorbeifährt.

Bei den Dreharbeiten habt ihr eine spezielle Miniaturkamera verwendet. Wie kam es dazu?

J.G.: Ich kannte eine Herangehensweise von Iván, mit einer Miniaturkamera durch Räume zu fahren und dadurch ungewohnte Einblicke in Räume oder Gegenstände, oder Zwischenräumen zwischen Gegenständen zu filmen. Ich habe für mich entdeckt, dass sich durch die Kameraführung eine ganz andere Erzählung ergibt, als wenn sich die Menschen selbst im Raum bewegen, sodass sie die Objekte von allen Seiten betrachten können.

I.R.M.: Ja, das finde ich cool. Sobald du im Raum bist, sind die Installationen einfach Installationen. Sobald du mit der Kamera aber nahe bei den Installationen bist, sind sie Objekte. Und sobald du noch näher dran bist, werden die Objekte selbst zu Räumlichkeiten.

Wollt ihr mit dem Film einen bestimmten Blick auf die Dinge vorgeben?

J.G.: Ja, natürlich, das ist ja immer so im Film. Aber dennoch will ich das Entdeckerische zulassen. Daher haben wir uns dafür entschieden, keinen sichchtbaren Schnitt zu machen.

I.R.M.: Der Zuschauer hat den Blick des Künstlers beim Arbeiten. Er hat aber auch den Zuschauerblick. In den ganzen 2 Stunden, die der Film dauert, kann man Jennifer als Künstlerin zuschauen, wie sie umentscheidet, wie neue Sachen entstehen und wie sie wieder abgebaut werden. In den Zwischenstufen kann der Zuschauer einfach wählen, was er anschauen möchte. Der Zuschauer ist nicht verpflichtet 2 Stunden da zu bleiben. Er kann einfach weggehen, und wieder zurückkommen. Das ist das schöne an Film. Es sind Bilder in der Zeit. Von dem gesamten Video könnte man einfach auch Standbilder herausnehmen und einzeln bewerten als einzelne Installationen, als Skulpturen. Dadurch, dass das Video ein Loop ist, sowohl in der Zeit als auch bildlich, entsteht eine Korrelation, ein Gespräch zwischen Bild und Zeit.

Im August 2012 habt ihr euch dafür entschieden, in der Bibliothek des Kunstgeschichtlichen Instituts der Goethe-Universität in Frankfurt am Main zu drehen. Warum habt ihr diesen Ort gewählt?

J.G.: Den Ort habe ich gemeinsam mit Iván ausgewählt. Der Ort ist programmatisch wichtig für die Arbeit, er symbolisiert dieses ganze Wissen um Kunst, das Wissen um Ästhetik und die Forschung daran. Aber wir haben beide damals glaube ich noch nicht ganz begriffen, was die Kameraausrichtung für ein Ausmaß an Erzählkraft für die gesamte Arbeit mit sich bringt. Am meisten haben mich die leere Regale fasziniert. Die sind auch die Endpunkte der Kamerafahrten. Da hinten ist immer etwas, was nicht präsent ist, ein Platzhalter für unsere Gedanken.

Thematisiert ihr damit den Skeptizismus?

J.G: Ja, und wie der auch in der Kunstgeschichte verankert ist, der Skeptizismus. Immer wieder in dem Diskurs zu sein, Dinge festzulegen und zu beschreiben, die schwierig zu beschreiben sind, weil sie eben nicht schriftlich festgehalten sind.

Warum habt ihr den Titeltanslate:skepticismgewählt?

I.R.M.: Auf spanisch bedeutet „translación“ das Kreisen der Erde um die Sonne. Im Film ist das die Kamerabewegung, das Kreisen in der Zeit. Gleichzeitig ist der Titel eine Einladung für die Leute, nachzurecherchieren, was Skeptizismus bedeutet, um dann den Film wieder neu zu entdecken.

J.G: Das „translate“ ist fast programmatisch für die Arbeit, weil wir uns selbst unsere Umgebung ständig aneignen, sie in Begriffe fassen. Oder das mit den Begriffen eben gerade sein lassen und in direkte Bilder übersetzen. Die Mischung aus einem deutschen und einem englischen Wort haben wir gewählt, da wir selbst ja auch aus zwei unterschiedlichen Sprachkulturen kommen.

Der Lichter ArtAward findet nun schon zum dritten Mal statt. Warum habt ihr euch für die Teilnahme am ArtAward entschieden und wie wurdet ihr ausgewählt?

J.G.: Das war meine Initiative. Ich mag das Festival. Ich denke, es ist ein sehr charmantes Festival, eher unprätentiös. Jedes Jahr werden neue Räume für das Festival erschlossen, und es ist eine wichtige Initiative innerhalb Frankfurts. In der Festivalwoche werden viele interessante Filme gezeigt. Für den ArtAward haben wir uns neben 60 anderen Künstlern beworben. Außer Saul Judd, unserem Kurator, entscheiden noch zwei weitere renomierte Künstler oder Kuratoren über die Auswahl der Filme. Dieses Jahr ist es der Künstler Simon Starling und der Kurator Felix Ruhöfer.

Am morgigen Eröffnungsabend wird der Gewinner gekürt. Wie seht ihr eure Chancen?

J.G.: Ehrlich gesagt schätze ich unsere Chancen nicht so hoch ein. Der Kurator sagte mir im Gespräch ganz offen, dass er die Unterrichtsmethoden unserer Schule nicht mag. Außerdem habe ich bei den Vorbereitungen gemerkt, dass er einem anderen Kandidaten der Städel-Schule mehr Aufmerksamkeit schenkte als uns. Letztes Jahr hat ein Städel-Schüler gewonnen. Dieses Jahr ist Simon Starling als Professor der Städel-Schule in der Jury. Man merkt da schon eine gewisse Haltung. Aber wir werden sehen.

Das klingt so, als wärt ihr mit der Organisation des Awards nicht sehr zufrieden?

I.R.M.: Ja, da gibt es einige Dinge, die nicht gut gelaufen sind. Was ich sehe ist, dass die Filme beim Award nicht nach den Vorstellungen der Künstler präsentiert werden. Der Kurator hat beschlossen, das unser Film in einer schlechteren Qualität gezeigt werden soll, als wir uns das vorgestellt haben, da die passenden Abspielgeräte fehlten. Ich bin ziemlich wütend darüber. Das war anders abgesprochen.

Was würdet ihr tun, wenn ihr den Preis gewinnt?

J.G.: Zunächst müssen die restlichen Kosten für den Film abbezahlt werden. Das Projekt hat insgesamt 1500€ gekostet. Dabei haben wir nicht einmal die Helfer bezahlt. Wir denken aber auch darüber nach, von dem restlichen Geld durchsichtige Flatscreens für zukünftige Präsentationen des Films zu kaufen.

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