Barock und Postmoderne

Zur Verwandtschaft von Barock und Postmoderne besonders anhand einer Interpretation des Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch
Vor kurzem wurde mir ein Text von Roger Behrens über die Postmoderne und Deleuze empfohlen (http://alt.rogerbehrens.net/deleuze_fsk.pdf). Ich fand den Text zwar nicht sonderlich gut, aber eine Bemerkung fand ich sehr interessant: Dass sich die Postmoderne sowohl in der Kunst (Barockmusik) als auch in der Philosophie (Spinoza, Leibniz) am Barock orientiert, eine Feststellung, die ich für ziemlich erstaunlich und zugleich treffend halte. Jedenfalls ist mir jetzt auch klar, warum die Postmodernen Marx unbedingt auf Spinoza zurückführen wollen (was ich ziemlich haarsträubend finde).
An der Barockmusik stellt Behrens die endlose Wiederkehr desselben Motivs heraus: „Dieser »Sound« etabliert sich im Barock; es ist der Sound der Wiederholung, was Deleuze und Guattari später als das »Ritornell« bezeichnen. Ritornell: in der Musik mit verschiedenen Bedeutungen, aber immer als Wiederkehr, Wiederholung, Refrain.“
An der Philosophie den Monadismus und Mechanismus von Leibniz und Spinoza, und zugleich die Versuche, aus diesen radikalen Singularitäten zu Formen der Kollektivitäten zu finden: Bei Leibniz wären dies die universale Repräsentation in den Monaden bzw. ihre „prästabilierte Harmonie“, bei Spinoza die sich in unendlichen Affektionen ausdrückende eine Substanz. Charakteristisch ist, dass dieses Verbindende nie in konkreter Vermittlung wie bei Hegel und Marx, sondern gleichsam subkutan, nicht verortbar, nicht verfolgbar, ereignishaft geschieht.

Diese Beschreibung der Barockphilosophie liest sich tatsächlich wie eine Zusammenfassung postmoderner Logik. Behrens: „Das Nomadische oder die Multitude können als der Versuch verstanden werden, jenseits der »Identität« und »Repräsentation« das Kollektivgefühl zurück zu gewinnen: das Gemeinschaftserlebnis.“

Und auch eine andere Referenz, das Theaterlexikon von Brauneck, nennt als Grundmotive des barocken Theaters wie Denkens: „Vanitas, Dialektik von Sein und Schein, Wahrheit und Maske, Person und Rolle, Ewigkeit und Augenblick, Beständigkeit und Unbeständigkeit, Dauer und Vergänglichkeit, Illusion und Desillusion“ – man könnte meinen, es ginge hier um die Postmoderne.

Der Barock der Postmodernen ist laut Behrens „Flucht in die Kulturgeschichte; man glaubt, damit den Subjektivismus zu überwinden, indem man ihn stärkt.“
Ich fand diese Parallele auch deshalb so schlagend, weil ich just den Simplicissimus gelesen habe – also den Roman des Barock und des 30jährigen Kriegs und damit ein sehr konkretes Bild des Barock vor Augen hatte. Die Ähnlichkeiten zwischen dem Barock und der Gegenwart sowohl im Sozialen wie auch im Zeitgeist sind tatsächlich frappierend.

Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch gibt zugleich den Gesellschaftszustand als auch die Haltung der Individuen darin wieder. Die „Welt“ ist grundlegend zerfallen, es gibt keinen übergreifenden Orientierungshorizont, weder der politischen noch der religiösen Macht (Reformationskriege), nur mehr einen abstrakt christlichen ohne weltlichen Sinn. Überall, wo man etwas aufbauen will, kann jederzeit ein feindliches Heer einfallen, plündern und das Aufgebaute niederreißen. Die auf sich gestellten Individuen werden von den Wogen des Schicksals umhergeworfen, ohne dass sie etwas daran tun oder sich dagegen wehren könnten. Trauen kann man kaum jemand, es herrschen Habsucht, Verstellung und Betrug; sittliche Schranken spielen kaum mehr eine Rolle, Menschen werden ohne Sinn abgeknallt; statt „Besinnung“ (man könnte auch sagen: Reflexion) herrscht „Wollust“ (reinstes Leben im hedonistischen Augenblick, Saufen, Vögeln, Würfelspiel). Die wirkliche Geschichte läuft neben und über den Individuen her.
Abstrakt könnte man sagen: Es gibt nichts Beständiges, alles ist permanent im Umbruch und Fluss; die gemeinsame Geschichte ist den Individuen vollständig entfremdet; diese befinden sich in einer Situation der völligen Vereinzelung. Folgendermaßen fasst Simplicius am Ende des Buches sein Leben zusammen und damit seine Zeit: „Also ward ich beizeiten gewahr, dass nichts Beständiges in der Welt ist als die Unbeständigkeit selber.“
Der Simplicissimus mündet in die für den Barock typische Versöhnung, nämlich in den Rückzug des Subjekts aus dieser Welt, von der nichts zu gewinnen, und die Hinwendung zu geistiger und religiöser Erbauung, während man das Praktische, soweit es noch nötig ist, fortführt, aber sich nicht mehr groß darum kümmert, nichts mehr „erstrebt“ – sozusagen ein laienhaftes Mönchstum. Und auch dies kann man ähnlich in der Postmoderne finden, das gleichmütige Verhalten zur Welt, an der man nichts ändern kann, und über die sich aufzuregen nichts nützt.

Zum Schluss noch etwas eklektisch zwei Beobachtungen zu weiteren Ähnlichkeiten zwischen Postmoderne und Barock: Zum einen waren im Barock waren – nicht verwunderlich ob der krassen Individualisierung – satirische und ironische Prosa en vogue, wozu auch der Simplicissimus gehört, der zugleich ernstgenommen und nicht ernstgenommen werden will. Zweitens: Das vanitas-Motiv, eine Erfahrung der subjektiven Nichtigkeit, dass „da drin“ nichts ist, dass es nur immer den Schein und hinter dem Schein wieder den Schein gibt.

Ob man daraus nun irgendwelche geschichtsphilosophischen Großthesen basteln kann, weiß ich nicht (Rückkehr der Postmoderne an den Anfang der Neuzeit?, Regression der Postmoderne hinter Hegel?). Aber dennoch scheint mir eben die Bezugnahme der Postmoderne auf den Barock äußerst aufschlussreich.

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Comments
One Response to “Barock und Postmoderne”
  1. Holger Voss sagt:

    Wenn man nachliest, dass für Leibniz die Null das Nichts und die Eins das Göttliche waren, ist es
    absolut kein Wunder, dass die Geburt des Digitalen aus dem Geist des Determinismus hier ihre Spuren aufzeigt. Ideologie und Mythos können eine perfekte Verbindung eingehen in Power Point und Algorithmus, die ars combinatoria scheint das Paradigma des neuen Jahrhunderts.

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