„Was bleibet aber, stiften die Dichter“ – Ein kurzer Bericht über die Rolle der Lyrik bei der Tagung „Kunst – Erkenntnis – Problem”

Ursprünglich geschrieben für die website der Tagung „Kunst – Erkenntnis – Problem“. Dort sind auch auch alle Texte zu finden, in die in dem Text verwiesen wird, sofern nicht anders gekennzeichnet.

Textausschnitt von Ulf Stolterfoht.

Textausschnitt von Ulf Stolterfoht.

Eine der Gattungen, auf die wir bei der Tagung „Kunst – Erkenntnis – Problem” ein besonderes Augenmerk gerichtet haben, ist die Lyrik. Bereits im Eröffnungspanel stellte der Germanist Malte Kleinjung aus Frankfurt am Main anhand der Beispiele der Dichter Ann Cotten und Ulf Stolterfoht Tendenzen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik mit emanzipatorischem Gehalt vor. Dieser emanzipatorische Gehalt bestehe jedoch, inspiriert von der ‚postmodernen’ Philosophie, nicht so sehr in einer politischen Intention, die sich explizit in den Gedichten aussprechen würde, oder der Konfrontation von Ideologien mit authentischen subjektiven Erfahrungen, wie in der gesellschaftskritischen Lyrik der Nachkriegszeit, sondern in der besonderen Rolle der Lyrik als nicht-referentiellem Spiel mit Sprache. Dieses Spiel habe jedoch in dem Selbstverständnis der Dichter nichtsdestotrotz eine kritische Funktion, indem es die herrschenden Normen des Sprechens subvertiert und durcheinanderbringt. Da ‚Realität’ von Cotten und Stolterfoht als von vornherein sprachlich strukturiert verstanden würde, sei diese Art der Sprachsubversion zugleich unmittelbar realitätsverändernd.
Ein anderes Selbstverständnis scheint der Dichtung Frida Narins zu Grunde zu liegen. Sie trug, ergänzend zu den von ihr ausgestellten Gemälden (vgl. dazu der ausführliche Bericht von Lena Trüper) in einem Workshop am Freitag Nachmittag einige ihrer Gedichte vor. Sie verlas die Gedichte in persischer Sprache, anschließend folgten deutsche Übersetzungen von Homayon Sadri. Auch wenn es sich mitnichten um in irgendeinem Sinne agitatorische Gedichte handelte, hatte man doch den Eindruck, dass es ihr weniger um den sprachspielerische Aspekt der Lyrik gehe, sondern eher darum, ihre Erfahrungen als unterdrückte Frau im herrschenden System des Irans zum Ausdruck zu bringen.
Am Samstag Abend folgte dann unter dem Titel „Perspektivisches Denken & Dichten mit Marx” eine zweiteilige Lesung von Pjotr G. Distelkranz, Dodo Brick und Mario Tartan. Im ersten Teil trugen Distelkranz und Tartan eigene Gedichte vor, Brick, teilweise performativ-tänzerisch ausgestaltet, Gedichte der nicaraguanischen Dichterin Gioconda Belli. Im zweiten Teil wurde der IvI-Saal komplett abgedunkelt. Distelkranz, Tartan und Brick hatten sich in drei Ecken des Raums verteilt, mit jeweils einer Lampe vor einem Tisch sitzend. Reihum lasen sie eine Collage aus Texten von Friedrich Hölderlin (darunter die berühmte, von Heidegger oft zitierte Ode Andenken, deren Schlusszeile der Titel dieses Beitrag ist), Martin Heidegger, Bertolt Brecht, Friedrich Nietzsche, Peter Hacks, Karl Marx, Friedrich Engels und Alain Badiou. Dabei wurde jeweils die Lampe desjenigen angeschaltet, der vorlas. Zu den Gedichten aus dem nationalsozialistischen Kontext wurden Kerzen entzündet als Zeichen der Hoffnung und der Erinnerung.
Ziel dieser auf den ersten Blick etwas beliebig wirkenden Zusammenstellung war, das Verhältnis von Philosophie und Dichtung in einer selbst lyrischen Form, einer Lesung, performativ darzustellen und die so verschiedenen Autoren in einen virtuellen Dialog mit- und gegeneinander zu bringen. Eckpunkte waren dabei sowohl prosaische als auch lyrische Texte von Heidegger, Marx und Nietzsche – als drei Philosophen, die sich nicht nur theoretisch mit Lyrik beschäftigten, sondern auch selbst, zum Teil sehr avancierte, lyrische Texte schrieben und auch in ihren prosaischen Texten der lyrischen Rede entlehnte Verfahren anwendeten. Die Grenze zwischen Lyrik und Prosa, Kunst und Theorie, ja, Kunst und Politik (es wurde etwa auch Heideggers Feuerspruch gelesen, ein explizit nationalsozialistischer Text, den er zur Sommersonnwendfeier 1933 öffentlich vortrug – freilich unmittelbar kontrastiert von Brechts Schlechte Zeit für Lyrik) und Kunst und Leben generell sollte so performativ-ästhetisch als Beitrag zur allgemeinen Fragestellung der Tagung in Frage gestellt und subvertiert werden.
Auch in der darauf folgenden musikalisch-visuellen Performance von DiVersion, sensible date und Paul Heydack spielten lyrische Texte eine tragende Rolle, da sensible date ihre Tracks mit eigenen lyrischen Texten übersprach.
Zu guter Letzt habe ich selbst meinen Eröffnungsbeitrag zum Abschlusspanel der Tagung über Realismus mit einem Gedicht von Friedrich Nietzsche, Der realistische Maler aus Die fröhliche Wissenschaft, eingeleitet, in dem die Ideologie des künstlerischen Realismus kritisiert wird – in einer künstlerischen Form, die sich selbst als ‚realistisch’ charakterisieren ließe. Freilich nicht abbild-, sondern – durchaus ähnlich dem lyrischen Programm von Cotten und Stolterfoht – meta-realistisch: Der Realität soll nicht einfach eine ‚wahre’ Sicht der Dinge konfrontativ gegenübergestellt, sondern die herrschende Weltsicht durch das Aufzeigen ihrer verborgenen Prämissen und inneren Widersprüche immanent subvertiert werden.

Zeichnung von Frida Narin (Titel unbekannt)

Zeichnung von Frida Narin (Titel unbekannt)

Das Lyrikprogramm der Tagung war so mitnichten ein bloßes unterhaltendes Beiwerk zur Tagung, sondern durchzog alle drei Tage mit direktem Bezug auf die Leitfrage nach dem Verhältnis von Kunst und Politik. Eine Rechtfertigung dafür besteht darin, dass in der kritischen ästhetischen Theorie und Praxis der Lyrik seit langem eine besondere Rolle zukommt als Form der Rede, in der sich das Individuum in seiner eigensten Subjektivität ausspricht und so Wahrheiten zu Tage treten, die in der alltäglichen Rede sonst verborgen bleiben. Auch in der, von Heidegger inspirierten, ‚postmodernen’ Kritik dieses Konzepts bleibt der besondere Status der lyrischen Rede, wenn auch in einem anderen theoretischen Begründungszusammenhang, unangetastet. Die dichterischen Beiträge von Frida Narin, Distelkranz, Tartan, Brick und sensible date bestätigen, dass Lyrik auch weiterhin als Sprachrohr kritischer Stimmen dienen kann. Pjotr G. Distelkranz versuchte sogar, in Form eines handgeschriebenen Flyers, der sein Gedichte Ode an das IvI, ergänzt um eine Collage aus Bildausschnitten verschiedenster Herkunft, enthält, einen öffentlichkeitswirksamen Beitrag zur Rettung des prekären Projekts IvI zu leisten. (Der Flyer ist hier einsehbar.) In der allgemeinen Weltsicht scheint der Lyrik, zumindest in ihrer autonomen Form, also ohne musikalische Unter- oder Übermalung, freilich eine eher marginale Rolle zuzukommen. Cotten und Stolterfoht gelten etwa unter ‚Kennern’ als wichtigste Exponenten der deutschsprachigen Gegenwartslyrik – doch die meisten Zuhörer dürften ihre Namen in Malte Kleinjungs Vortrag zum ersten Mal gehört haben. Auch Distelkranz’ Flyer scheint nur eine geringe Aufmerksamkeit zuteilgeworden zu sein. Dies wirft die Frage auf, ob die Lyrik einen wirklich relevanten Beitrag zur Kritik der Gesellschaft leisten kann. Doch vielleicht ist das auch die falsche Frage – erst recht im „Institut für vergleichende Irrelevanz”.

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