Gedanken zur Installation „Omphaloskepsis“ von Jennifer Gelardo (2012)

Die Installation Omphaloskepsis

Die Installation Omphaloskepsis

Der Zugang zu dieser Installation liegt nicht in der unmittelbaren Anschauung des in ihr Zusammengestellten: Dies wären nur beliebige Gegenstände, meist Alltagsgegenstände, ohne einen ausgezeichneten Sinn, der sie zu ästhetischen Gegenständen machte: ein Textmarker, ein Tintenglas, ein Lineal, ein Stück einer Zeitschrift und dergleichen. Es sind meist Gebrauchsgegenstände mit einem klar identifizierbaren Zweck, ihre Auswahl scheint prima facie beliebig, ihre Anordnung wahllos: Scheinbar keine Kunst.

Ästhetisch wird diese Anordnung erst aufgrund einer veränderten Haltung zu ihr, oder indem nicht die Dinge, sondern eben ihre Anordnung im Raum und ihre Beziehung Gegenstand der Anschauung wird. Beides ist jeweils nicht beliebig, sondern sorgsam so angeordnet und ausgewählt, dass, so Jennifer Gelardo, „es Sinn ergibt oder eben nicht“. Tintenglas, Textmarker, Linse, Dia, Buntfolie usw. treten nicht in ihrer Eigenbedeutung in dieses Beziehungsgeflecht ein. Was für eine Beziehung hätten sie auch zueinander? Die Beziehung besteht gerade in der Reinheit ihrer Beziehung, in die die Dinge als Nichts, als Negation von ihrer Bedeutung eingehen, und die Beziehung entsteht gerade dadurch, dass sie, weil sie zusammen keinen Sinn ergeben, je aneinander ihren Sinn negieren. Ausgestellt ist daher die Beziehung ihrer Beziehungslosigkeit, die macht, dass die Gegenstände je gleichgültig werden, ein allgemeines Schweben, eine allgemeine Relativierung.

Durch die räumliche Anordnung der Gegenstände wird aber in dieser Beziehung noch etwas anderes erfahrbar: der zweidimensionale Raum zwischen den Dingen. Nicht mehr die Positionen der Dinge selbst gelten, sondern ihre Lage zueinander, wie sie sich wechselseitig räumlich verhalten. Der Raum tritt in seiner eigenen Schwere in Kraft. Weil die Dinge aber nicht beliebig angeordnet sind, erhält dieser Raum einen je eigenen Charakter – der zugleich undefinierbar bleibt, ein Sinn, der nur im Sinnentzug erahnbar ist.

Durch die allgemeine Sinnnegation werden die Dinge drittens in die Abstraktion ihrer bloßen Naturgegenständlichkeit gestoßen. Die ursprüngliche, kulturelle Bedeutung (des Stiftes, des Tintenglases, usw.) spielt keine Rolle mehr. Sichtbar wird der Materialgehalt als solcher, in seiner Reinheit, das Glatte, Transparente des Tintenglases, die neongrelle Farbe und die geometrische Form des Textmarkers, die Parallelität der sechs Zeitschriftenstreifen, ihr Papiernes – usw. Material, Taktiles, Farbe und Form treten nun ihrerseits in Beziehungen aufeinander, vergleichen Rauhheit und Glattheit, die verschiedenen Farben, stoßen sich aneinander, ähneln einander, liegen quer usw.

Die Installation Omphaloskepsis in der Nahaufnahme

Die Installation Omphaloskepsis in der Nahaufnahme

Was sichtbar wird, ist ein allgemeines Schweben, eine Gelöstheit von den Bedeutungen, eine Gleichgültigkeit, zwar ohne herausgehobene Positivität, weil auch ohne Ausgang von einem Negativen (einem Widerspruch, einem subjektiven Problem), das aufgelöst werden müsste. Es ist das sachte Glück eines neutralen und weltentrückten Beobachters, für den der Eigenwert keine Rolle spielt, weil er nicht mehr äußerlich-zweckmäßig über sie hinausgeht, und weil er nicht bewertet. Er bewertet nicht, weil nicht bewerten braucht. Die Dinge sind reine Form, die Welt reine Struktur, reine formale Struktur für ihn, er spielt mit allem und hat keinerlei Zwecke der Notwendigkeit mehr. In dieser Welt gibt es kein Unheil und keine Last. Alles ist vollkommen transparent, gleichwertig, weil der Wert irrelevant wurde, und so ist alles der Augenblick eines Klangs, reine Gegenwart, Ewigkeit ohne vergehende Zeit, ein Gleiten, das weder das Negative der Hoffnung noch das des Verlustes kennt. Es „ist“ einfach nur.

Es ist dies die postmoderne Stimmung einer Zeit ohne Unterschied, der Relativität jeder Bedeutung, der Unnötigkeit jeden Ichs und jeden Zwecks, des reinen Spiels.

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