Das Ende der Kunst in der Postmoderne

Über die gegenwärtig fortgeschrittenste Kunst kann man in sehr allgemeinen Kennzeichnungen sagen, dass sie die Elemente des Fragmentarischen, der Zerstückelung, der Selbstreflexivität, der Ironie, der Selbstaufhebung (in Theorie, Skandal, Kulturindustrie, „Leben“) und dergleichen zu ihrem Wesen erhebt. Damit verbunden ist eine Bedeutungsminderung des Bezugs auf die Realität und, à l’autre cotê, die Entleerung des immanenten Sinns des Kunstwerks. Das Kunstwerk wird zunehmend Form als solche; der Gehalt, der ihr noch bleibt, weist sich zunehmend über diese aus.

Die bürgerliche Kunst ist in der Gegenwart – die anfängt etwa in den 70ern – an einem toten Punkt ihrer Dynamik angelangt. Nach der Gegenwart können keine neuen Kunstideen mehr entstehen. Gleichzeitig ist dieses Ende ein Ausleeren der Möglichkeiten der Kunst; die Nichtigkeit, die in der bürgerlichen Kunst schon immer wesenhaft war, wird nun als das wirkliche Wesen gesetzt. Umgekehrt können damit die Potentiale, die der Kunst trotz und wegen ihrer Nichtigkeit zukommen, nicht mehr zur Geltung gebracht werden.

Diese Situation wirft praktische Fragen über den Anschluss an die Kunst der Gegenwart auf. Ist es sinnvoll, eine Weiterentwicklung der Kunst innerhalb der Kunst zu betreiben? Kann man für emanzipatorische Zwecke noch an sie anschließen? Kann die gegenwärtige Kunst „uns“ noch etwas sagen? Wie steht es mit der Beziehung der Gegenwartskunst zum gegenwärtigen Gesellschaftszustand?

Dies alles ist zu konstatieren, während – natürlich – Kunst immer noch Kunst ist. Die gegenwärtige Kunst ist der adäquate Ausdruck der Zeit, und in ihr erhalten wir eine versöhnende Vergewisserung über uns selbst als Töchter und Söhne dieser Zeit. Sie ist niemals absolut sinnleer (also eine völlig nullige Bedeutung); in der Sinnleere liegt selbst ein eigener Sinn, in verschiedener Weise, davon abhängig wie die Sinnleere präsentiert wird, z. B. als existentielles Entsetzen (40er/50er) oder als heiterer Frohsinn, dass nichts Festes mehr nötig ist (Postmoderne). Trotzdem ist sie sinnleer, nur liegt der Sinngehalt mehr und mehr in der Form.

Angesichts dessen gilt es nun aber nicht, zurück zur bürgerlichen Kunst des 19. Jahrhunderts zu gehen. Es war gerade der Fortschritt der Kunst, der sie bis zu ihrer eigenen Entleerung, angefangen etwa in den 20er Jahren, gebracht hat. Fortschritt danach kann nicht mehr heißen, die bürgerliche Kunst weiterzuentwickeln, sondern konkret über ihre Überwindung nachzudenken. Die postmoderne Kunst nun stellt, wie es auch ihr eigener Anspruch ist, die Überwindung der bürgerlichen Kunst dar – aber unter gleichzeitiger praktischer Beibehaltung von deren Formen! (Dies hab ich in dem Text zum „Black Dice“ entwickelt.) Die Entleerung der Kunst stellt sich in diesem Sinne oft als positive Entwicklung dar, weil die Postmoderne beansprucht, bürgerliche Ideale gerade aufzuheben, z.B. die Trennung von Publikum und Bühne, die Einheit des Kunstwerks oder die Trennung von Kunst und Wissenschaft. Tatsächlich sind diese Kunstformen keine Verwirklichung des Freiheitsversprechens, sondern nur Spiel, Ironie und scheinhafte Auflösung, während die Ideale weiter fortbestehen.

Das „Ende der bürgerlichen Kunst“ darf also nicht dahingehend missverstanden werden, als gebe es heute keine wirkliche Kunst mehr, bzw. dass man heute keine Kunst mehr machen dürfe, weil Kunst „überholt“ sei. Es ist gewissermaßen eine „gehaltvolle“ These über die Möglichkeit der Weiterentwicklung von Kunst über den gegenwärtigen Stand hinaus und den Bezug der gegenwärtigen Kunst zu ihrer Geschichte – auf welche bezogen sie ein Ende ist.

Die Autonomie der Kunst ist ins Unendliche gesteigert. Die Kunst bedeutet nichts mehr als sie selbst.

Diesen immanenten ästhetischen Entwicklungen entsprechen auch die sozialen Formen der Kunst heute. Die Kunstsphäre ist immer stärker getrennt von der Gesellschaft, und zugleich in sich ungeheuer zersplittert. Es gibt zig Spezialsphären in der Kunst selbst, und um verstehenden Zugang zu den Kunstwerken zu erhalten, muss man ein gehöriges Maß an Bildung auf sich nehmen. Das steht im Gegensatz zur Kunst früherer Zeit: Da war die Kunst der Gegenwart für die Allgemeinheit, sofern sie durch Bildung privilegiert war, zugänglich. Heute gibt es zwar sehr viele Kunstinteressierte, aber das Kunstinteresse ist selbst ein Erlebnismarkt geworden.

Sowohl der immanente Sinn als auch die soziale Form der gegenwärtigen Kunst lassen sich auf den Zustand der Gesellschaft überhaupt beziehen: Die einzelnen Teile der Gesellschaft werden immer beziehungsloser. Schon lange fragt sich, welchen Sinn die Veranstaltung Kapitalismus überhaupt hat, welchen Sinn unser eigenes Leben überhaupt hat. Wie beziehen sich die einen Menschen auf die anderen? Vielleicht kann man sagen, dass in der Kunst nichts anderes passiert, als dass eben dieser Gesellschaft ihr eigener Spiegel vorgehalten wird, zum Beispiel im Theater: Die Darstellung auf der Bühne ist nur eine abstrakte Beobachtung von Gesellschaft, bezieht sich aber weder richtig auf das Publikum, indem es subjektiv angesprochen würde, noch auf seine gesellschaftliche Herkunft, indem es nicht bloß über etwas allgemeine Mitteilungen machen, sondern konkrete Erfahrungen berichten würde.

Die Kritik an der Kunst der Gegenwart besteht nicht darin, dass die Kunst irgendwelchen höheren Idealen nicht entspricht. Vielmehr bringt die Kunst eigene Ansprüche mit, denen sie nicht mehr gerecht wird. dass sie sich aber so weit entwickelt hat, dass sie diese Ansprüche nicht mehr ernst nehmen kann (vollendete Ironie). Das ist allgemein: Die einzelnen Teile der Gesellschaft werden immer beziehungsloser, und auch die Darstellung auf der Bühne ist nur eine abstrakte Beobachtung von Gesellschaft, bezieht sich aber weder richtig auf das Publikum (indem es subjektiv angesprochen würde) noch auf seine gesellschaftliche Herkunft (indem es nicht bloß über etwas allgemeine Mitteilungen machen, sondern konkrete Erfahrungen berichten würde). Das Ergebnis ist eine entleerte, inhaltsarme, theoretisierte Kunst.

Die Thesen zum Ende der bürgerlichen Kunst zusammengefasst:

  1. Gegenüber der klassischen bürgerlichen Kunst ist die postmoderne Kunst eine Verfallserscheinung, und tatsächlich sollte man in gewisser Hinsicht an der ersteren festhalten, denn diese ist zu überwinden, nicht die postmoderne Kunst.
  2. Andererseits entwickelt die Postmoderne nur die Widersprüche, die bereits in der bürgerlichen Kunst angelegt waren. Sie ist also die Wahrheit über die Kunst der Moderne.
  3. Die postmoderne Kunst ist das Ende der Kunst nach dem Ende der Kunst, das bereits in den 40ern bis 50ern erreicht war, in denen die Kunst (Lyrik: Sprachzerfall, Theater: Beckett, bildende Kunst: Eva Hess) ihre eigentliche Unmöglichkeit bereits völlig nüchtern konstatiert hat. Die Postmoderne ästhetisiert jedoch gerade diese Unmöglichkeit und wird ironisch und selbstreflexiv.
  4. Andererseits ist die postmoderne Kunst jedoch auch die Wahrheit über den gegenwärtigen Gesellschaftszustand. Klassische bürgerliche Kunst, wie sie immer noch, als ausgehöhlte Form, fortgesetzt wird, kann darüber nur Abstraktes, aber nichts Aktuelles und Treffendes sagen.

Im Folgenden gebe ich eine Liste von Beispielen, auf die ich meine Reflexionen gründe. Diese Beispiele sind zum einen relativ willkürlich und lassen sich sicherlich erweitern. Zum andern erfordert die Einschätzung, was sich aus ihnen tatsächlich schließen lässt, natürlich eine längere Diskussion, als die stichpunktartige Liste im Folgenden zulässt. Und drittens stehen die Beispiele für Einzelnes, das etwas Allgemeines anzeigen soll, während anderes Einzelnes eher auf ein anderes Allgemeines schließen lässt. Die Liste sollte also mit Vorsicht und nicht als Beweisführung, sondern eher als Illustration und Beleg aufgefasst werden.

  • Skandalkunst: Erfolg wird durch einen gesellschaftlichen Skandal erzielt, also etwas Äußer-Ästhetisches (Jeff Koons)
  • Pollesch/postdramatisches Theater: Theater ohne innere Einheit und Entwicklung, zusammengestückte Szenen, nur abstrakt verbunden über Themen. Erlaubt dem Zuschauer kein „Nacherleben“ des Dargestellten. Auf der Bühne wird eher ein Geblubber von unzusammenhängenden Einfällen präsentiert wird, und das Theater dadurch der Revue angenähert wird. Das Theoretisieren hat ja auch gar keinen Gehalt, sondern ist nur ein Spielen mit Wahrheiten, die nicht den Anspruch haben, als Wahrheiten ernst genommen zu werden (postmodern eben).
  • Konzeptkunst: Kunst betreibt selbst Theorie, d.h. will abstrakte Konzepte unmittelbar zur sinnlichen Darstellung bringen (sehr beliebt tatsächlich: „Raum“ und „Zeit“), ohne aber in der Anschauung und im Gefühl zu arbeiten.
  • Elektro: Entsubjektivierung, Aufgehen im Meer des Beats, nur mehr Welle sein ohne innere Auseinandersetzung.
  • keine Lyrik mehr: Das Gedicht spielt kulturell keine Rolle mehr.
  • Übergang von der Tragödie als Mittelpunkt des bürgerlichen Theaters zum Film mit Happy End (schlechte Versöhnung)
  • Kein Epos mehr: Es gibt nicht mehr den Epos in der Literatur, also die großen Romane, die umfassend den aktuellen Gesellschaftszustand nachzeichnen (Dostojewski, Musil, Peter Weiss, Dickens)
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s